Leserartikel-Blog

DARWIN-Jahr 2009: SCHÖNES und UNSCHÖNES (Streit) zum START ins Darwinjahr. 1. Teil

Der jetzt verstorbene Samuel HUNTINGTEN vertrat die These vom „clash of civilisations“, vom Kampf der Kulturen. An diese Kulturkampf-These muss man zwangsläufig denken, wenn es um Krieg & Frieden in der Debatte zwischen Religion(en) & Evolutionstheorie(n) geht. Dass kulturelle Faktoren für das Zusammenleben der Menschen eine nicht unerhebliche Rolle spielen, kann ja ernsthaft niemand bestreiten. Am Beispiel DARWIN-Jahr wird exemplarisch deutlich, welche Elemente der betreffenden Kulturen zum KONFLIKT treiben und warum sie im einzelnen diese Wirkung entfalten. KULTUR ist wie die (biologische) Evolution nichts Starres, Abgeschlossenes; kulturelle EVOLUTION (Transformation) & MIMETIK sind Schlagworte zum Punkt „Kultur“, den der angeblich „letzte Generalist“ HUNTINGTON von Konflikten der Religionen (17. Jahrhundert), Staaten (18.) oder Ideologien (20.) unterschieden hat (1).

Kultur transformiert sich ständig, um zu überleben. Im Streitfall Evolution geht es um scheinbar inkompatible kulturelle Deutungsmuster zur „Tatsache EVOLUTION“; so der Buch-Titel eines streitlustigen Evolutionisten (Anti-Kreationisten), des Evolutionsbiologen Ulrich KUTSCHERA. (2) „Verteilungskämpfe“ präsentieren sich zum Streitpunkt Evolution ethnisch und/oder religiös. Da der Mensch eben nicht von Brot & Werten allein leben will, sucht er Zuflucht im Ideen-Himmel - scheinbar außerhalb der sozialen und politischen Lebenswirklichkeit.

In einem Beitrag „DARWIN-Jahr: Kultur der Anti-Evolution? – Zum Steitfall KREATION/EVOLUTION“ (3) habe ich mich ausführlich mit der fundamentalistischen Denkform des KREATIONISMUS (auch der-ID-Bewegung; des „Intelligent Design“) befasst, die zu einer „Dämonisierung“ oder „Verteufelung“ der Gegner neigen. Insbesondere der „Ungläubigen“ (Atheisten unter den sog. „Evolutionisten“). Die liberalen „amtlichen Theologien", die als Vertreter einer offenen Religiosität bezeichnet werden können, betrachtet der Fundamentalismus als „Abtrünnige". „Kreationisten“ sind Menschen, für die die GENESIS nicht Mythos, sondern getreuer Bericht einer historischen Tatsache ist.

Folgendes war für mich „WICHTIG: Ich hoffe dass mein Betrachtungen im Artikel verdeutlichen konnten: Als Schöpfungs-Glaubender & Evolutions-Gegner sollten Vertreter der Evolutionslehre, also EVOLUTIONS-GLAUBENDE („Wissende“), respektiert werden. Und: „Ihr Für-Wahrhalten der Evolution sollten Evolutionsforscher (sog. Evolutionisten) nicht dazu benutzen, ‚Andersgläubige’ (Kreationisten, sog. Anti-Evolutionisten) bloßzustellen und zu entwürdigen.“ Dass die Evolutionstheorie NICHT zum biblisch geoffenbarten Schöpfungsglauben im Widerspruch stehen muss, zeigte Papst Johannes Paul II. am 22. Oktober 1996 vor der Vollversammlung der Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften: die Evolution sei mehr als eine Hypothese, sie sei eine anerkannte Theorie, konstatierte der Papst damals. Die Evolutionslehre werde „nicht richtiger dadurch, wenn die Anti-Evolutionisten schlecht gemacht oder für dumm verkauft werden“, betonte ich. Dies sollte atheistischen Evolutionisten, die gegen den „Gotteswahn“ (DAWKINS) ankämpfen, bewusst sein.

Im www habe ich mehrfach herausgestellt (z. B. in der NZZ v. 11. Juli 2008) dass heute „DIALOG“ nötig sei: Für eine dritte „BRÜCKEN-Kultur“ plädierte ich:

Dem Glauben im Satz von Uwe Justus WENZEL in der NZZ, dass der vielbeschworene «Dialog der Kulturen» gar „nicht wirklich stattfinden“ könnte - «Kulturen» seien „keine dialogfähigen Subjekte oder Personen“ – möchte ich widersprechen: Heute gilt es, den Graben zwischen den beiden KULTUREN (C. P. SNOW, 1959) - NATURwissenschaften (Sciences) und GEISTeswissenschaften (Humanities) - zu schließen. Zur Überbrückung der „beiden KULTUREN“ (SNOW, 1963: „Third Culture“) erhoffte sich SNOW eine 3. KULTUR als BRÜCKEN-KULTUR zum kulturellen Spaltungs-Irresein, die einen nicht spalthirnigen DIALOG fördern könnte. Die Isolation - Absonderung, Vereinzelung, Vereinsamung - von z.B. abgeschotteter Philosophie (! – es gibt auch nicht-abgeschottete Philosophen) ist nicht irreparabel. Die Devise „Raus aus dem Elfenbeinturm“ gilt für alle Wissenschaften und die KUNST! Siehe auch die Debatte um Neuro-Ästhetik im www.

Gleich mehrere interessante Artikel hat die F.A.Z. zum DARWIN-Jahr 2009 in der Print-Ausgabe vom Samstag, dem 13.12.2008, publiziert. Sie waren danach Online auf FAZ.Net mit Kommentar-Möglichkeit zu lesen; teilweise wurden Artikel mit zusätzlichem Bildmaterial erweitert (vgl. den Beitrag von Pamela KORT, S. 37 zur bildenden Kunst). „Schön, dass man zum DARWIN-Jahr 2009 Feuilleton-Artikel kommentieren kann“, schrieb ich zu einem lesensweren FAZ.net-BLOG-Artikel: Dass F.A.Z. & F.A.S. (v. 04.01.09) sich mit vielen lesenswerten Beiträgen vor und nach dem Start ins DARWINjahr befassen, ist lobenswert. Gut ist, dass Online durch Nutzer Kommentare zu den oft informativen Artikeln abgegeben werden können; z. T. nur 14 Tage lang - FAZ.Net. In der erweiterten Wissenschaftsbeilage „Natur und Wissenschaft" der FAZ wird man sich über „moderne Evolutionsforschung“ wohl „auf dem Laufenden halten“ können. Joachim MÜLLER-JUNG verweist in „Riesen-Sprünge: Auf ins Darwin-Jahr 2009“ (v. 02. Januar 2009) auf Zeitungen hin; das Googeln von der Website „15 Evolutionary Gems", „Nature" von heute, ist besonders lohnenswert.

Das bewegte Leben von Charles DARWIN (1809-1882) wird derzeit in mehreren FEUILLETONS in den Massenmedien nachgezeichnet: Im ZDF heißt es zu einer Sendung „Terra X Charles Darwin“: „Der geniale englische Naturforscher wurde zu seiner Zeit angefeindet“. „Kaplan des Teufels“ nannte sich eine ZDF-DOKUMENTATION (wiederholt auf 3sat v. 12.01.09; Themenwoche „Darwin“). Ein Blick in die Feuilletons der Tages- und Wochenpresse mit ihren mehr oder weniger umfangreichen Berichten zum Darwinjahr 2009 offenbart, dass auch heute noch weiterhin massive Anfeindungen zum Thema EVOLUTION stattfinden; nicht nur seitens der Kreationismus- und Intelligent-Design-Vertreter – unter Theisten und Atheisten -, auch unter Feuilletonisten und Kommentatoren von Artikeln, die sachkundig zu Evolutionstheorien Stellungnahmen abgeben.

Es zeigt sich in Kommentaren, dass gewinnbringende Diskussionen beim Thema Evolutionstheorien & Schöpfung scheinbar kaum möglich sind: Groß ist das Lager-Denken: (Natur-)Wissenschaftler versus Christen (Agnostiker, Theisten) und umgekehrt; gnadenlos wird zumeist aneinander vorbeigeredet. In einer Welt, in der Organismen gezüchtet, gentechnisch manipuliert, nachgebaut und de novo kreiert werden (Evolution im Reagenzglas), macht das Leugnen von Evolution durch Bildungsunfähige doch keinen Sinn mehr.

Unter deutschen Journalisten darf in aller Schärfe kritisiert werden und Reaktionen der Kritisierten haben heutzutage im WEB Möglichkeiten, durch Gegen-Kritik an die Öffentlichkeit zu gelangen. Auf den Leserbrief-Seiten der Printmedien gibt es weniger Platz und Freiheit. Ein erboster Brief an einen Kritiker/eine Kritikerin (z. B. Rezensenten) oder an deren Feuilleton-Chef(in), landet zumeist im Papierkorb. Un- & berechtigte Kritik bleibt zumeist unwidersprochen stehen. Anders im www: Die ans Urteilen, aber nicht ans Beurteiltwerden gewöhnten Kultur- & Kunst-Journalisten machen immer mehr die Entdeckung, dass sie nicht mehr das letzte Wort haben. Durchs Internet ist die Öffentlichkeit rückkanalfähig geworden: Widerspruch darf sich manifestieren, was sich heute beispielhaft anlässlich des DARWIN-Jubiläums 2009 in der erlauchten Sphäre des Kultur- und Wissenschafts-Journalismus zeigt. Meinungsführer der kulturellen Öffentlichkeit streiten untereinander und mit dem (oft fachkundigen) Leser/Hörer/Seher-Publikum. Zum Thema Medien-DEMOKRATISIERUNG & REFORM-Journalismus habe ich mich öffentlich geäußert (4).

Bei seiner Kultur-Berichterstattung rund um das Thema EVOLUTION sollte sich das FEUILLETON eigentlich Rechenschaft darüber geben, für wen es eigentlich schreibt. Die QUALITÄT eines einzelnen Artikels, das Niveau wird dadurch bestimmt, dass grobe Sach-Fehler vermieden werden und interessierte Zeitgenossen durch den Bericht/Kommentar einen Zugewinn an Einsicht und gesellschaftlicher Bewusstheit verbuchen können. Wenn nicht zahlreiche intelligente Ansichten zu einem (aktuellen, brisanten) Thema von Feuilleton-SpezialistInnen fürs Allgemeine & Besondere vorgetragen werden, durchschaut der aufgeklärte Zeitgenosse ein Artikel-Machwerk rasch als feuilletonistischen Willkürakt, der dem Medium letztlich schadet (Ansehen, Verkauf etc.); besonders dann, wenn Kommentare des Publikums zum Artikel zugelassen werden, was ja nicht immer der Fall ist.
Selbst in LEITARTIKELn äußerte man sich zu DARWIN: In einem DIE WELT-Leitartikel (Norbert LOSSAU v. 20.12.08), der nicht mit Kommentaren begleitet werden darf, ist zu lesen, dass die Tatsache („Botschaft“), dass Vorfahren des Menschen affenähnliche Tiere waren, „selbst bei aufgeklärten Mitteleuropäern ein Gefühl des Unbehagens“ auslösen; dabei hätten wir doch 150 Jahre Zeit gehabt, uns an diesen Gedanken zu gewöhnen. Der Autor konstatiert: „Das Spannendste ist jedoch, dass die vielerorts anschwellende Kritik an der Evolutionstheorie unmissverständlich deutlich macht: Die Welt aufgeklärter Wissenschaftlichkeit ist auch noch im 21. Jahrhundert eine dünne Kruste auf einem tiefen Ozean magischen Denkens und Glaubens.“ Einem Evolutions-Forscher, der neue Erkenntnisse verkündet, könne „man schließlich nur glauben - oder eben nicht“: Denn „wer könnte schon aus eigener Kraft eine wissenschaftliche Theorie verifizieren oder widerlegen?“, meint der Feuilletonist. Er übersieht hierbei, dass auch Fachleute potentielle Leser seines Beitrags über die Evolutionstheorie sein können.

Dass keiner anderen Theorie so viel Skepsis und Widerstand entgegengebracht worden ist wie eben der darwinschen wird als eine Tatsache gesehen. Der Grund dafür sei, meint LOSSAU, dass „die Evolutionstheorie vermeintlich im Widerspruch zu religiösen Weltbildern steht“. Im Nu ist der Autor beim Thema „Kreationisten & USA“ (Schöpfungsgeschichte-wörtlich-nehmen; Schul-Unterricht). Skeptisch beäugen lassen sich indessen Evolutionisten & Kreationisten (Anti-Evolutionisten): „Woher wollen die das denn überhaupt wissen?" Der Leitartikel „Die Macht der Magie“ hat als FAZIT & Hoffnung: „Die Evolution hat aus dem Homo sapiens offenbar noch keinen Homo scientificus gemacht.“

Dass man sich als Evolutionist und religiöser Wissenschaftler „outen“ kann, zeigt ein Bericht über den Zoo-Direktor von Berlin („Knut“ & Co) in WELT ONLINE: 27.12.2008 (Print 28.12.) - Ressort: Wissenschaft. Für den Berliner Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz sind Christentum und Evolutionsglaube kein Widerspruch: Auch die EVOLUTION ist Gottes Werk. Für seinen Seelenfrieden braucht der Biologe die Natur und Tiere. („Die Evolution ist göttlich“; Interview mit Michael MIERSCH.)

Offensichtlich als keinen „Homo SCIENTIFICUS“ betrachtet die DIE WELT den FAZ-LEITARTIKEL-Schreiber Frank SCHIRRMACHER zum DARWIN-Jahr 2009, der auf der ersten Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Werbespruch „Dahinter steckt immer einer kluger Kopf“): In einem Video von „WELT-TV“ („Blattkritik“) auf der Website zum Zoodirektor-Artikel lästerte der Autor Alan POSENER über den LEITARTIKEL: „Darwins Revolutionierung der Biologie: Um einen Darwin von innen bittend“ (FAZ v. 14.12.2008). Der Titel des Videos vom WELT-Korrespodent für Politik und Gesellschaft: „Schirrmachers Bullshit über Darwin“. Mehrere Passagen des FAZ-Herausgebers werden in „Stefan-Raab-Manier“ zitiert und mit Adolf HITLERs „Mein Kampf“-Text zur Evolution konfrontiert. DAWKINS neues Buch, das HITLER-Werk (mit Rassentheorie ohne DARWIN!) und „Breaking the spell“ von DENNETT sollte Schirrmacher lesen; „Machen sie weniger Bullshit“! fordert POSENER den „nicht unumstrittenen“ FAZ-Herausgeber Schirrmacher“ (so wikipedia) auf. Unter „Bullshit“ („Bullen-Scheiße“) meint der Videomann offenbar Nonsense, Blödsinn, Unsinn, Mist.

SCHIRRMACHER hatte im FAZ-Leitartikel geschrieben, dass viel über die Rezeptionsgeschichte einer Theorie geredet werde, die schon in ihren Ursprüngen, schon in der Hymne der „Times“ von damals, „auch das Werk einer sorgsam orchestrierten Vermarktung“ gewesen ist. Die Wirkungsgeschichte dieser Theorie sei „monströs“; auch „das Netzwerk echter und falscher Legitimationen, die sie im Laufe von hundertfünfzig Jahren stiftete“. POSENER erzürnte dieser Satz: „So hat sie bekanntlich als Rechtfertigungsideologie nationalsozialistischer Rassenpolitik ebenso gedient wie als Begründungskern moderner sozialdarwinistischer Theorien.“ DENNET & DAWKINS (deren Bücher solle der Leitartikel-Mann lesen) gehören zu den BRIGHTS: In der New York Times schrieb Dennett in einem Artikel „The Bright Stuff“:

„Die Zeit ist reif für uns Brights, uns zu bekennen. Was ist ein Bright? Ein Bright ist eine Person mit einem naturalistischen Weltbild, frei von Übernatürlichem. Wir Brights glauben nicht an Geister, Elfen oder den Osterhasen - oder an Gott.“

Das Substantiv BRIGHT sollte nicht mit dem Adjektiv [engl. 'bright': hell, klar, intelligent'] verwechselt werden: "Ich bin ein Bright" ist keine Prahlerei, sondern ein Ausdruck des Stolzes über ein auf stetigem Hinterfragen beruhenden Weltbild.

(brights-deutschland.de.)

Durch natur-wissenschaftliche Forschung hat die Menschheit zwei schwere KRÄNKUNGEN erfahren: (a) Die Illussion, dass sich die Erde ruhend im Mittelpunkt des Weltalls befände, wurde durch Nikolaus KOPERNIKUS im 16ten Jahrhundert zerstört (Erde dreht sich um die Sonne) – (b) Der Mensch sprach den Tieren die Vernunft ab und berief sich auf eine hohe göttliche Herkunft; die Evolutions-Forschung Charles DARWINs (von Mitarbeitern, Vorgängern, Nachgängern bis heute) bereitete dieser Überhebung des Menschen ein Ende. Der Mensch ist nichts Besseres als die Tiere, er ist selbst aus einer Tierreihe hervorgegangen.

DARWIN-Jahr 2009: Feiern weltweit – erstmals auch aus kunsthistorischer Perspektive

Der 200. Geburtstag des Theologen und Evolutionstheoretikers Charles Darwin wird im DARWIN-Jahr 2009 auch von KUNST-Freunden gefeiert. Erinnert wird hierbei weltweit auch an DARWINs Veröffentlichung seines epochalen Werkes "On the Origin of Species" vor 150 Jahren.

Von „Transmutation“ (= Abstammung mit Abwandlung) sprach Darwin bis zur 5. Auflage seines Epochenwerkes. Den Begriff „Evolution“ hat Darwin erst in der 6. Auflage seines Buches „Die Entstehung der Arten“ verwendet.
Im September 1835 erreichte Darwin mit der Beagle die Galápagos-Inseln (San Christobal).

Innerhalb von fünf Wochen ging der Evolutionsforscher seinen naturkundlichen Studien nach., die er nach der Rückkehr im Jahre 1836 detailliert auswertete. Er beobachtete, dass auf den jeweiligen Inseln des Galápagos-Archipels eigene Schildkröten und Vogelarten vorhanden waren, die sich im Aussehen und Lebensgewohnheiten zwar voneinander unterschieden, ansonsten sich aber doch recht ähnlich sahen. Aufgrund dieser Beobachtungen entwickelte er die These, dass die Tiere ursprünglich von einer einzigen Art abstammten und sich durch Anpassung der Lebensbedingungen auf den jeweiligen Inseln unterschiedlich entwickelt hatten (Notebook on the Transmutation of Species). Die Annahme, dass sich die Lebewesen schrittweise änderten und sich der Umwelt anpassten nannte Darwin seinerzeit "Transmutation".

Berühmt sind Darwins Notebooks: Das in braunes Leder eingeschlagene Notizbuch B enthielt ein faustgroßes Diagramm, das Darwin 28jährig im Sommer 1837 gezeichnet hat. Es folgte dem Satz „I think“ (ich denke) – ausgehend von einer Ziffer „1“ (Ursprung, „Archetyp“) - aus einer Linie bifurkationsgeometrisch Gabelungen, die sich immer weiter auffächern; bis hin zu A, B, C, und D. Von der TRANSMUTATION der Arten sprach Darwin in seinen Notebooks B bis E (sog. „Transmutation Notebooks“), in denen er im engeren Sinne den Artenwandel als historischen Prozess darstellte, der zu Entstehung, Wandel und Aussterben von Arten führt. Die „Entstehung der Arten“ erschien erst 1859.

Ein Vergleich zu LEONARDO sei erlaubt: Bereits LEONARDO DA VINCI (1452 - 1519) hatte klar erkannt, dass Fossilien Reste einstiger Lebewesen gewesen sein mussten. Diese könnten aber nicht auf eine einzige Sintflut bezogen werden, da sie in verschieden alten Gesteinsabfolgen aufträten. Leonardo sprach von „trasmutazione di forme“ (vgl. (5), 12.4.). Leonardo hat Anleitungen zum Konstruieren von Bäumen dargestellt und in diagrammatischer Art – sehr verwandt zu DARWINs Diagramm - das Wachstumsgesetz der Bäume in Skizzen veranschaulicht. (Vgl. GOMBRICH: Kunst und Illusion, Abb. 111.) Ein Eintrag in Darwins Notebook B - einige Seiten früher – enthält die Notiz: „Die Organisation der Lebewesen stellt einen sich unregelmäßig verzweigenden Baum dar, einige Zweige viel stärker verzweigt." Leonardo & Darwins Transmutations-Diagramme führen diese Unregelmäßigkeit vor Augen: Man sieht bei Darwin gar keinen Baum, sondern ein Büschel von Linien mit unterschiedlich dichten Verzweigungen. Einige Linien laufen offen aus und bezeichnen die Entwicklungs-Linien ausgestorbener Arten, die anderen sind mit Querstrichen abgeschlossen und repräsentieren bestehende Arten. Ob Leonardo sich mit dem Grundgedanken der Evolutionstheorie befasst hat (vgl. Fossilien-Überlegungen) ist unbekannt. Beiden Gestaltforschern (wie auch schon DÜRER; vgl. Kopf/Körper-Transformationen; (5)) ging es um die Erkundung „allgemeiner Gesetze". Für das wichtige Thema der Evolution hat sich lange Zeit die moderne Bildende Kunst überhaupt nicht interessiert; vgl. indessen „Neo-Renaissance“ durch ars evolutoria!

Dass DARWIN mit der Veröffentlichung seiner Theorie auf jede Menge Ablehnung gestoßen ist, zeigt wird auch eine AUSSTELLUNG in der SCHIRN Frankfurt. Googeln wir zu 3sat geraten wir beim Surfen auf den „Darwin Code“: In einer „Darwin-Themenwoche“ im Januar versucht 3sat den Stand der Wissenschaft zusammenzufassen. Interessant ist eine 3sat-„Flash-Animation“: DER DARWIN CODE – „Darwin, sein Leben, seine Theorien“. Hier kann man zum Ausstellungsvorhaben in der SCHIRN surfen und Bilder anklicken, die die Ausstellung „Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen“ zeigen wird. Die SCHIRN wirbt: „Die Ausstellung stellt nun erstmals die Auswirkungen des Darwinismus auf die bildende Kunst in den Mittelpunkt. Allen in der Ausstellung präsentierten Künstlern war ein mehr oder weniger starkes Interesse an den Naturwissenschaften gemeinsam; sie lasen Darwins eigene Schriften oder Texte, die sich mit seinen Theorien beschäftigten. Anhand von rund 150 Gemälden, Zeichnungen und Lithographien sowie seltenem Dokumentationsmaterial zeigt die Schirn Künstler wie Frederic Church, Martin Johnson Heade, František Kupka, Odilon Redon, George Frederic Watts, Arnold Böcklin, Gabriel von Max, Alfred Kubin oder Max Ernst und spannt einen zeitlichen Bogen von 1859 bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Kuratorin: Dr. Pamela Kort.“ (Vom 05.02. bis 03.05.2009.) Was Max ERNST zu Darwins Theorien zu sagen hatte, liest man in einem FAZ-Artikel (Dr. KORT: 14.12.08 FAZ.Net): „Darwin und die Kunstgeschichte - Die überleben werden - ein Blick ins Jahr 2500“.

Auch mein Werk ARS EVOLUTORIA (Kunst(theorie) & Naturforschung) wird im Darwinjahr eine evolutive Erweiterung erfahren; durch zwei neue Bücher, die in Vorbereitung sind: Zu Feiern ist der 20ste Jahrestag der Erst-Veröffentlichung meines Werkes „Symmetrie als Entwicklungsprinzip in Natur und Kunst“ (320 S., 800 Abb., davon 120 farbig. 33x25 cm, fest gebunden - ISBN 3-7845-9350-X). Der Kunstbuch-Verlag LANGEWIESCHE (Königstein) hat das Verdienst, diesem echt inter- und transdisziplinären Werk zum Durchbruch verholfen zu haben; über World Scientific (1998) fand das Werk später eine weltweite Verbreitung und Beachtung (5). Auch durch meine Initiative EST - die Anthologie wurde die „Evolutionäre Symmetrietheorie …“ (6).

Zum Wandlungsproblem gibt es neue Erkenntnisse

Mehrfach habe ich (auch im www) die These vertreten: Das Wandlungsproblem (Darwin: Problem von „Transformationen“) wird durch eine SELEKTIONstheorie mit dem Postulat einer alleinigen Außenselektion im Sinne Darwins natürlich nicht gelöst. Die jeweils ERSTE Entstehung der neuen morphologischen, physiologischen und verhaltensmäßigen Ausstattung einer Spezies entwickelt sich evolutionär unabhängig von der möglicherweise sekundär (a posteriori) einwirkenden „äußeren“ Selektion über interne Konstruktions- & Bifurkations-Mechanismen, die aufzufinden sind. Die Erwartung, das Existieren eines „inneren Prinzips“, einer „inneren Ursache“, welche Ordnung und Richtungssinn in der Evolution bestimmt, wurde von namhaften Forschern vorgebracht. Rupert RIEDL sprach hier von der „Grundfrage der Evolutionstheorie“. Evolutionsbiologe Axel Meyer sprach in DIE ZEIT vom „Irrtum“, dass in der Natur Harmonie herrsche: „Sie strebt weder nach Schönheit noch nach Harmonie“; Professoren können irren. Die bekannten Hauptmechanismen biologischer Evolution – Selektion (Darwinismus), Mutation (Neo-Darwinismus) und Populationsdynamik reichen nicht aus, um die erweiterungsbedürftige Evolutionslehre wirklich zu verstehen.

EMERGENZ, das heißt das Auftauchen neuer Systeme beziehungsweise neuer Systemeigenschaften in der Evolution, kann als selbstorganisierende Prozessdynamik beschrieben werden: Wie im Prozess des evolutionären Geschehens konstruktiv NEUES entsteht, vermag eine den Formenwandel erklärende, umfassende evolutionär orientierte SYMMETRIE-Theorie zu beschreiben. Das Forschungsprogramm „Evolutionäre Symmetrietheorie“ (kurz: EST) belegt den neuen Aspekt eines engen Zusammenhangs von Symmetrie bzw. Symmetriebrechung und der Dynamik struktur- und musterbildender selbstorganisierender (anorganischer und organischer) Systeme. Es wurde in der (vergriffenen) Anthologie „Evolutionäre Symmetrietheorie: Selbstorganisation und dynamische Systeme“ (von 1996; vgl. (6)) aus der Sicht verschiedener Disziplinen erörtert: Symmetriebrechung als Prozess kann, verknüpft mit der Symmetrie-Neubildung, als Motor der Evolution verstanden werden. Zur EST schrieb 1997 Spektrum der Wissenschaft: „Möglicherweise wird dieses Buch in der Zukunft von hohem Wert sein als Leitfaden zur Entdeckung neuer allgemeiner Charaktere der Naturkräfte“ (Rezensent BREMER).
Wichtig ist es, zu betonen, dass empirische Wissenschaft nicht den geringsten Anspruch erhebt „absolute Wahrheiten" zu liefern - was immer das sein mag. Alleine deshalb kann eine Natur-Wissenschaft, die sich zum brisanten Thema „WELTFORMEL“ & „URKNALL“ äußern ((7)/(8)/(9)) per Definition nicht totalitär sein - das wissen die WissenschaftlerInnen am allerbesten!

LITERATUR (1.Teil) - Fortsetzung folgt

(1) JOFFE, Josef (2008): Der letzte Generalis. In: DIE ZEIT Nr.2 (31.12.08), S.7.

(2) KUTSCHERA, Ulrich (2009): Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte. München 2009. Kutschera stelle „eine neue integrative Theorie zum Verlauf und zu den Antriebskräften der Evolution vor“, heißt es im Buch-Klappentext. Der Pflanzenphysiologe befasst sich ausführlichst mit „Kreationisten“ („Kreationismus“) und „Intelligentes Design“ (vgl. Buch-Register). Der Autor versucht die „Erweiterte Synthetische Theorie“ („Dobzhansky-Mayr-Ismus“) zu erweitern; Kutschera betonte, dass sich der "Darwin des 20. Jahrhunderts", Ernst Mayr, zum Atheismus bekannt habe. (In: FAZ v. 17. 11. 2006, Nr. 268, S. 21 – „Im ideologiefreien Biologieunterricht“. Zum CASUS WOLFF - F.A.Z v. 4. 11. 2006 - Artikel "Das verschleierte Weltbild zu Kassel".) Mit seiner „evolvierten Version“ des „Synade Modell“ als „allgemeine General-Theorie der biologischen Evolution“ (S. 316). Keine Rede ist in diesem Buch von der „Systemtheorie der Evolution“ (RIEDL u.a.), der „Frankfurter Kritischen Evolutionstheorie“ (GUTMANN u.a.) sowie meiner „Evolutionären Symmetrietheorie“. Zum Streit Kutscheras mit Gläubigen vgl. www: Evolutionsgegner Reinhard Junker & Siegfried Scherer, Studiengemeinschaft W+W (Wort und Wissen) u.a.m.

(3) HAHN, Werner (2008): DARWIN-Jahr: Kultur der Anti-Evolution? – Zum Steitfall KREATION/EVOLUTION. In: DIE ZEIT Online v. 01.12.2008.

(4) HAHN, Werner: Darwin-Jahr: MEDIEN & WEB-EVOLUTION – Medien-DEMOKRATISIERUNG, REFORM-Journalismus. In DIE ZEIT Online v.16.12.2008. Ebenda auch mein Zusatzkommentar „Medien-Evolution und Ombudsleute – „Democracy Now“ in der BRD?“ v. 17.12.08.

(5) HAHN, Werner (1989): Symmetrie als Entwicklungsprinzip in Natur und Kunst. Königstein. Gladenbach: Art & Science, 1995.
(HAHN, Werner (1998): Symmetry as a developmental principle in nature and art. Singapore. (Übersetzung des Originalwerkes von 1989, ergänzt durch ein 13. Kapitel – mit erweitertem Sach- und Personenregister sowie Literatur- und Abbildungsverzeichnis.))

(6) (5) HAHN, Werner / WEIBEL, Peter (Hrsg.) (1996): Evolutionäre Symmetrietheorie: Selbstorganisation und dynamische Systeme. Stuttgart. (Anthologie mit Beiträgen von 19 Autoren.) (Kurz: EST.) Darin: HAHN, Werner: Evolutionäre Symmetrietheorie und Universale Evolutionstheorie. Evolution durch Symmetrie und Asymmetrie. (S. 255 bis 284 mit 11 mehrteiligen Abbildungen. Lesbar im www unter art-and-science-de.)

(7) HAHN, Werner (2008): Gottes-Teilchen: LHC-Antworten auf Fragen nach Ursprung, Aufbau und Evolution der Welt? (Warum die unanschauliche Teilchen-Physik der Anschauung bedarf (L-M/A-E-U-Modell)). In: ZEIT Online – Community v. 12.09.08.

(8) HAHN, Werner (2008): Mathematik, Mandelbrot-Menge, Chaologie, Weltformel und EVOLUTION. In: ZEIT Online – Community v. 17.11.08.

(9) HAHN, Werner (2008): Weltformel von Allem (TOE) und EVOLUTION? JA: Aber … - Ein Beitrag zum Darwinjahr 2009. ZEIT Online – Community v. 19.11.2008.