Leserartikel-Blog

Wir sind Amok.

Amongst each other und what about 'german angst'? Machen Sie sich auf eine kritische Anmerkung gefasst. Hier wird es nicht um das üblich verdächtige Betroffenheitsbekenntnis gehen.

Apropos 'gehen' – was geht es uns eigentlich an? Diskussionen schießen ins Kraut und wie Pilze aus dem Boden. Überraschung? Eher weniger. Was war noch gerade in Köln? Ahh, der zweite Tote wurde gerade gefunden. Zurück zu den Phasen zwischen den Amoks. Richtig, Plural gibt's eigentlich nicht. 'Läufe' bieten Abhilfe. Dürfen es auch Fahrten sein? Bitte. Danke.

Bisher ein unmöglicher Einlass des Autors. Quo Vadis? Wo willst du hin? Wohin treibt es dich?

Es geht mich nichts an. Ich habe etwas erfahren. Ich habe etwas medial präsentiert bekommen. Es hat mir Tränen gegeben. Das Haupt des Johannes auf silbernem Teller. Ein anderer mordete für mich. Es glaubt keiner?

Jeder hätte ausreichend Anlass, in dieser Gesellschaft, in diesem Status von 'Zivilisation' auszurasten. Wir dürften längst alle die Struktur von Gewalt verinnerlicht haben. Sicher – wir müssen nicht zu den Guns greifen, wir brauchen keine Väter, denen das Jagen und Erlegen von Mittieren feuchte Flecken in die Hosenlatze schießen lässt. Wie pervers ist das Auslöschen von Leben mittels einer kleinen winzigen Gotteskugel – Kaliber xyz ungelöst? Wir können auch anders, subtil, strukturelle Gewalt, psychische Gewalt, Mobbing, 'destructive intelligence'. Und dann aber vor Angst ins Bett machen, um sich eine Knarre ins Nachtgebet zu legen. Schublade zu. Oder muss man sich bewaffnet in der Bettgeflüsterzone bewegen, wenn der eigene Schießprügel vom unternehmerischen Erfolg zerfressen Leistung versagt oder notfalls im Albtraum zurückgeschossen werden muss? High-Noon selbst im entspannungsbringenden Schlaf. 200-prozentige Eltern im Hier und Jetzt des karrieristischen Hamsterrades und wieviel Promille für den Sohn, das Kind der Welt, ach, es wird schon irgendwie klarkommen, wir wollen doch nur das Beste, wir haben alles nur für dich getan.

Nein, es gibt keine Entschuldigung für diese Tat. Es gibt keine Entschuldigung, den Angehörigen der Opfer dieses Leid angetan zu haben, ihre Lieben und Freunde so aus den Lebensbezügen genommen zu haben.

Doch wir alle tragen Verantwortung: Wir alle sind Internet, wir alle sind Computerspiele, wir alle sind Snuff-Videos, wir alle sind Porno, wir alle sind Häme, Hass, Raab, Schmidt, Pocher, Kreuzzug, Taliban, Schützenbrüder und -schwestern, wir sind Halmich, wir sind Ali, wir sind Goebbels, wir sind Hitchcock, wir sind Domian, wir sind BILD, wir sind ZEIT – nur haben wir keine, kaum noch eine.

Und das schlägt die Kinder wie die Alten. Pump up the volume. Start me up. Reach the top. Der Time-wasting-complex, wie raffiniert auch immer er sich mit technologie-freakigem Equipment in unsere graue Gehirnmasse einmeißelt, er beschneidet uns lebenszeitlich in den Stumpfsinn, in den lebendigen Tod. Soviel seelische Verletzung kann man (nach Thomas Mann) garnicht nachreichen, wie 'kulturell' desorientierende Materie freigesetzt wird. Das Deo-in unum deo-dorant gegen die Ruhe, die Stille, die Kontemplation, doch auch die Angst genau davor in uns.

So und nicht anders konditionieren wir das 'jüngste Gericht', wenn wir 'jüngste' mit 'Jugend' und 'Kindheit' und 'Gericht' mit 'Menü' gleich programmatischer Option an Erziehung, Bildung, Werte, Gesellschaft etc. gleichsetzen.

Trotz all der Worte, es gibt kein zurück, und das auf allen Ebenen. Der Amok-Score läuft. Irgendwann oder schon jetzt gibt/gab es einen Schützen (hat das mit Schutz zu tun? – einem pervertierten Schutz des singulärem Selbst vor dem multiplen Anderen), der das Todesquantum seiner/ihrer Vortäter (noch sind jene maskulin) zu übertrumpfen versucht. Ja, auch dies eine Sucht nach dem highest level.

Das Gemetzel der Völkerschlachten hat sich ein Äquivalent im Innersten des entsozialisierten Individuums gesucht – und gefunden. Mein Ton ist versöhnlicher am Ende dieser Worte. Er ist desgleichen ohnmächtig. Was hält mich vom Beten ab, wenn ich ungeschoren ein Einkaufscenter, eine Kö-Galerie, eine Schule, einen Kinderhort verlassen darf?