Leserartikel-Blog

Das Lenin-Bild an der Wand von jemandem, der kein Leninist ist...

Mir lässt die Sache mit dem Lenin-Bild und Herrn Jessens nachgelieferter Erklärung keine Ruhe. Die Sache bereitet mir Kopfzerbrechen. Ich versuchte, während eines Spazierganges an etwas anderes zu denken, es gelang mir nicht. Ich versuchte, mich in Herrn Jessen hineinzuversetzen, doch es gelingt mir einfach nicht. Ich stelle mir vor, ich wäre im Besitze eines Lenin-Bildes, das ich z.B. bei einem Berliner Straßenhändler als „Trophäe“ (wie Herr Jessen das nennt) erstanden hätte (sein Bild stammt nach seiner Aussage aus einer 1989 gestürmten Stasi-Zentrale). Würde ich mir dieses Bild an die Wand hinter meinen Schreibtisch hängen? Ohne wenigstens darauf zu spucken und eine Graffiti darüber zu malen?Jedes Mal, wenn mein Blick darauf fiele, käme mir der Brechreiz. Ich müsste mich übergeben. Ich sähe vor meinem inneren Auge die Opfer, die ausgemergelten Leichenberge in den Gulag-Kz´s, ich sähe vor mir die mit Genickschuss ermordeten Kleinbürger („Spießer“), die „Kulaken“, die „Schädlinge“, die „Volksfeinde“, die vorher noch ihre Gräber selbst ausheben mussten, bevor sie von der Tscheka abgeschlachtet wurden. Ich sähe die Kinder, die von den Bolschewisten vor den Augen ihrer „bourgeoisen“ Eltern, an die Bäume geschlagen wurden, um die Eltern zur Getreideablieferung zu zwingen. Ich sähe die Berge Erfrorener in den Zwangsarbeitslagern Sibiriens. Es ist mir unbegreiflich, was in Herrn Jesses Kopf vorgeht. Ich käme NIEMALS auf die Idee, mir auf einem Flohmarkt ein Lenin-Bild oder ein „Führer-Bild“ zu kaufen und es UNVERFREMDET (!) als „Trophäe“ an die Wand zu hängen.  Herr Jesse mag kein Leninist, kein Kommunist sein. Ich nehme ihm das ab. Er hat das hinterher „erklärt“. Man muss es ihm abnehmen, auch wenn die „Erklärung“ sonderbar ist, um es gelinde zu sagen.. Man muss auch wohlwollend sein. Man muss Hinweise zugunsten des „Angeklagten“ gelten lassen. Aber dennoch stimmt irgendetwas an Herrn Jesses „Erklärung“ nicht.  Es ist mir nicht möglich, mich EMOTIONAL hineinzuversetzen, es gefühlsmäßig nachzuvollziehen: Ist das schwarzer Humor? Ist das Zynismus? Was ist das? Ist das eine „Intellektuellen“-Attitude, die irgendwie „originell“ ist und sich mir doofer Nuss nicht erschließt? Soll das ein „Tabubruch“ sein, eine „Provokation“, so wie im Theater ständig versucht wird, zu „provozieren“ und „Tabus zu brechen“? Es geht einfach nicht, ich VERSTEHE ES NICHT. Vielleicht ist Herr Jessen einfach nur ein Wirrkopf? Aber der Feuilleton-Chef der Zeit ein Wirrkopf? ... Vielleicht bin ich einfach zu blöd, und bedarf der didaktischen Unterweisung des klugen, hochintellektuellen Herrn Jesses, da ich nicht in der Lage bin, „mich meines Verstandes ohne Unterweisung durch andere selbständig zu bedienen“, da ich vielleicht eine „Spießerin“ bin?. Mit freundlichen Grüßen Ruth Teibold-Wagner[Bitte äußern Sie Kommentare in bereits bestehenden Threads zum Thema! Danke. /Die Redaktion pt.]