Leserartikel-Blog

Meinbauch oder 19. Jahrhundert?

Im ZEIT-Magazin ist eine Reportage übers Abtreiben. Frauen haben beschlossen, dass ihr Bauch jetzt ihnen gehört und haben das Kind wegmachen lassen. Warum? Der Beruf ging erstmal vor. Die Ausbildung war nicht zuende. Die Beziehung zum Freund oder Mann war distanziert: Kinder aufziehen? Mit dem da? Nein. Sowas entscheidet frau alleine. Sie sagt: "Hättest du mir eindeutige Signale gesendet, dass du mich und das Kind willst, wär's nicht so weit gekommen". Wie weit denn? So weit: Eine Abtreibung ist kein kleiner Eingriff. Nicht wie eine Blinddarm-OP. Da bleiben Spuren. Oft ein Leben lang.

Die Bedingungen unter denen wir hier leben verlangen uns ständig Entscheidungen ab. Individuelle, selbstständige Entscheidungen. Niemand kann uns die abnehmen. Stadt oder Land? Studium oder Lehre? Auto, Handy-Anbieter, Betriebssystem, Bank, Stromtarif: All das muss man entscheiden. Kann man ja auch. Es gibt ja vernünftige Gründe für all das. Aber bei einer Sache gibt es keine: Mit wem tu ich mich zusammen und ziehe Kinder groß. Da versagt die Vernunft. Da muss man mit was anderem ran. Mit einer gesunden Portion Wahnsinn.

Die Bedingungen unter denen wir hier leben lassen für Wahnsinn keinen Platz. Wahnsinn ist pathologisch. Der absolute Gegenpol zu unseren Werten. "Du willst jetzt ein Kind? Von diesem Klaus? Hast du mal überlegt, wie du deine Ausbildung hinkriegst, immer mit einem plärrenden Kind auf dem Arm? Und der Klaus? Was verdient der? Ist das solide? Bist du denn wahnsinnig?"

Die meisten von uns verbringen ihr ganzes Leben mit diesem Planen. Sie verheiraten sich auch nicht, sondern tun sich zusammen. Mit einem Partner. Am besten noch mit zwei Wohnungen und Gütertrennung. Für alle Fälle. Wär' doch sonst Wahnsinn! Partner haben mit Gütertrennung ist zwar wie Füßewaschen mit Gummistiefel und wie Safer Sex, aber was soll's! Man kann sich doch nicht so für immer festlegen.

Wir sind überfordert mit solchen Entscheidungen, die unser ganzes Leben betreffen. Deswegen vermeiden wir sie wo wir können. Beschließen, dass unser (nur "w") Bauch jetzt uns gehört. Entscheiden uns (nur "m") fürs Unterhaltzahlen statt für die Vaterschaft. Das Prinzip übertragen wir auch auf unsere Kinder. Denen wollen wir eine "ungestörte Entwicklung" ermöglichen....

Diese Lebensweise ist nicht ohne Alternative. Wenn in Indien die Tochter das Heiratsalter erreicht, geht die Familie zum Djosiyer, eine Mischung aus Psychologe, Astrologe und Heiratsvermittler. Der hilft bei der Suche nach einem geeigneten Ehemann und legt Termin und Zeremoniell fürs Heiraten fest. Nach strengen Regeln, die vom Lauf der Sterne bestimmt sind. Bei unseren dorfkatholischen Altvorderen haben Eltern und Kirche in solchen Angelegenheiten gewichtig mitgeredet. "Kindersegen" galt als Gottesgeschenk. Selbstbestimmte Entscheidungen galten nicht als hoher Wert.

Was ich hier diskutieren möchte: Ist unsere radikale Abkehr vom Wahnsinn ein Fortschritt? Machen es am Ende die Inder besser? Führen alle Wege entweder zu Meinbauch oder ins 19. Jahrhundert?