Leserartikel-Blog

Stimmungsmache in der Zeit-Community? Nachträgliche Rechtfertigung für die 'Schlappe in Köln'?

Zu Zagreus Leserartikel: Glaubenskrieg um Berliner Moschee, angelehnt an den gleichnamigen Artikel von Franziska Günther

Als ich heute Nacht mal kurz reinschaute, weil ich hoffte, so mein Intervall-Schlafen durch Kurzweil aufzuheitern, dachte ich, mich tritt der berühmte Gaul: Glaubenskrieg und das christliche Abendland geht unter und der Islam übernimmt… ein wilder Mix aus ziemlich vielen Halbwahrheiten und –lügen, und kaum Realitätsgerechtes dabei.

Ja: in Berlin gibt es mehr als 40 Moscheen. Auf diese Zahl, die ja noch mehr suggerieren soll, kommt mensch, wenn jede, aber auch wirklich jede Hinterhofmoschee mitgezählt wird. Große und/oder ins Auge fallende Moscheen gibt es erheblich weniger; mir fallen auf die Schnelle drei ein, die am Columbia-Damm, die im Wedding und die kleine schnuckelige an der Grenze zwischen Wilmersdorf und Charlottenburg. Eine weitere, in Kreuzberg, passt sich an der Ecke Skalitzer/Wienerstraße unauffällig der Traufhöhe an und ist immer noch nicht ganz fertig; eine noch weitere, die von Insan, sollte in Neukölln entstehen, aber … Insan sucht nun wieder nach einem neuen Bauplatz…. Und wenn wir uns die bereits bestehenden angucken, dann relativiert sich das mit der Größe sehr schnell. Auf Anfrage organisiere ich für die, die ihre Fahrräder mitbringen, gern mal eine kleine Stadtrundfahrt.
Ja, und dann haben wir noch dies kleine Schmuckstück in Heinersdorf. Pankow. Jotweedee (Entschuldigung nach Pankow, aber schon vom Mariannenplatz aus ist das ne ziemliche Strecke – und wie mensch von Reinickendorf aus nach Pankow durchrutscht habe ich noch nicht eruiert, alldieweil dazu für mich bislang kein Anlass bestand).

Ja: dieser Neubau hat für Aufruhr gesorgt. Aber warum? Weil – natürlich meine Meinung, die darf geteilt oder abgelehnt werden oder durch eine dritte, vierte ergänzt – ein paar Leute hofften, auf den anti-islamischen (anti-islamistischen? Was geht da alles durcheinander?) Zug aufspringen, dadurch ziemlich viel Wirbel und sich selbst eminente politische Bedeutung verleihen zu können. So kam es denn auch. Für jede/n, welche/r sich die Mühe macht, sich die Berliner Zeitungsarchive seit Anfang 2006 durchzugucken, leicht nachzuvollziehen. Am Ende, also gestern, kreiste der Berg und gebar eine Maus. Die Moschee-Eröffnung fand unter großem (vielleicht riesigem?) Polizeischutz statt, von den Moschee-Gegnern erschienen zum Zwecke des Protests an die 50, von deren Gegnern gut doppelt so viele. Die geladenen Gäste und die feiernden Gläubigen waren also bestens beschützt. Der Polizeischutz war (auch für mich nachvollziehbar) notwendig, alldieweil der Moscheebau während der Bauzeit durch einen Brandanschlag extra in die Schlagzeilen geriet; auch ich befürworte an einem solchen Punkt ein mehr an Schutz – dazu ist die Polizei schließlich da.

Und sonst? Wie es war, kann jede/r, die/der will, in den Berliner Tageszeitungen von heute nachlesen. In meinem abonnierten Blatt steht was von relativ unaufregend und – natürlich! – gewichtigen Worten.

Was bleibt? Für heute nur so viel:
Die Moschee ist nach Khadija benannt. Das war, wenn ich mich richtig erinnere, die erste Frau des Propheten Mohamed, die, welche ihn erst mal als Karawanenbegleiter in ihrem Handelsunternehmen eingestellt, später geehelicht, und noch später ermutigt hat, seine Visionen/Glaubenserlebnisse ernst zu nehmen. Der Name klingt nicht gerade nach blutrünstiger Eroberung. Obwohl mir persönlich aus Gründen, die etwas mit selbständigem Denken zu tun haben, A‘ischa als Namensgeberin lieber gewesen wäre … aber das ist eine andere, wahrscheinlich spannendere und auch inter-religiös zu führende Diskussion über die Frage, warum welche Rollenmodelle auch im Islam welcher Provinienz/ Denomination auch immer bevorzugt werden und warum welche nicht.
Die Ahmadiyya ist eine konservative Reformbewegung, die in ihrem Ursprungsland Pakistan verfolgt wird. Weshalb Ahmadis in der BRD zuzeiten und zuweilen (auch das war umstritten und ging die Instanzen rauf und wieder runter, und zwar wegen der Bedeutung der sog. Gruppenverfolgung) die Anerkennung als politisch Verfolgte erhielten, also Asyl nach damals noch Artikel 16 Grundgesetz (Politisch Verfolgte genießen Asyl!). Rund 60.000 Ahmadis (of all three+x sexes) leben in der heutigen BRD, 200 in Berlin (sind da Frauen und Kinder und die +x mitgezählt? Oder meint das nur Familien, durchzählt nach den männlichen Familienoberhäuptern? Wer hat das so gezählt? Egal … es ist eine nicht gerade überwältigende Menge). Und darin, dass die meisten über die ganze Stadt verteilt leben mit einem Schwerpunkt in vielleicht Reinickendorf, darin bildet sich Stadtgeschichte ab: Integration oder auch Nicht-Integration ausländischer WohnungsbewerberInnen, Zuzugssperren für bestimmte Bezirke, gleichzeitig Unwillen in anderen Bezirken, an AusländerInnen zu vermieten, materielle Lebensbedingungen von Flüchtlingen und die Schwierigkeiten, ausgedrückt in Wohnort, Bildung und Beruf, gesellschaftlichen Auf- und Einstieg zu schaffen. Die meisten sind heute übrigens Deutsche.
Konservativ sind sie. Ja. Das sind die Zeugen Jehovas und die Adventisten und etliche andere christlich inspirierte Sekten auch. Von jüdischen Konservativen in dieser Stadt nicht zu reden. Die geben auch keiner Frau die Hand – weil sie erstens so gefährlich strahlt und zweitens gerade menstruieren könnte und drittens Mann sowieso nie weiß. Und ob der derzeit amtierende katholische Kardinal so glücklich wäre, wenn er mir die Hand schütteln müsste – ich bezweifle es. Bei Huber weiß ich es – der geht sich hinterher die Hände waschen. Und ich auch. Also, was soll das Geschrei?
Natürlich gäbe es viele Gründe für großes Geschrei! Aber die liegen nicht in der Ahmadiyya und auch nicht in der EkiBB-Lausitz-Oberspree. Die sind ‚nur’ jeweiliger Ausdruck dieser Gründe. Ein Grund ist Macht. Macht möchten die Moschee-Gegner auch, bis hin dazu, dass sie Frauen auch gern sagen und vorschreiben würden, wie sie denn zu sein hätten, auf dass die Männlichkeit besser zur Geltung kommt.
Aber darüber reden wir ein anderes Mal. Dann reden und streiten wir über Geschlechterverhältnisse und was die mit je konkreter Politik zu tun haben. Und über Menschenrechte. Von mir aus sehr gern sogar!
Heute sage ich zu diesem Punkt nur noch dieses: das Menschenrechtsverständnis eines Zagreus ist hoffnungslos veraltet und weit, sehr weit, hinter dem zurück, wie Menschenrechte heutzutage diskutiert und ‚umgesetzt’ werden.