Leserartikel-Blog

Globalisierung und Gewalt

Überblick: Es werden sechs Möglichkeiten beschrieben, die zeigen, wie die Globalisierung trotz aller Wohl­taten für viele Menschen offensichtlich zu zerstörerischer Gewalt führt: (1) eine Kluft zwischen Reich und Arm, die immer größer wird; (2) die Medien, die diese Kluft weltweit sichtbar machen; (3) skrupellose Geschäftspraktiken, die die schwachen internationalen (und manchmal auch die nationalen) Gesetze außer Kraft setzen; (4) die weltweite Verfügbarkeit äußerst zerstörerischer Waffen; (5) eine er­schreckend schnelle Verflechtung verschiedenartiger Kulturen; und (6) die Furcht vor makro-ökologi­schen Katastrophen wegen einer übermäßigen Zunahme der Weltbevölkerung und des pro-Kopf Ver­brauchs und Abfalls.  Die Beziehungen zwischen diesen Ursachen und die gewaltigen Wirkungungen sind komplex. Einige der Probleme müßten von einer starken Regierung angegangen werden.
 <?xml:namespace prefix =" o" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:office"" />
     Politiker sprechen heute oft von Frieden, aber neue Berichte legen nahe, dass die Gewalt in letzter Zeit – seit die Globalisierung sich vielfach ausgebreitet hat – zugenommen hat, und dass dieses Problem sich in der vorhersehbaren Zukunft verstärken könnte. Ich möchte sechs Gründe dafür aufzählen (sie verursachen Gewalt, wenn sie zusammen auftreten) und ein paar Lösungs­möglichkeiten für die Probleme anbieten.
 
     (1) Die Kluft zwischen Reich und Arm hat sich so schnell vergrößert, dass sie nicht mehr hin­nehmbar ist. (2) Die modernen Medien für Kommunikation und Reisen erlauben es, weniger begüterten Menschen den Luxus vergleichsweise viel wohlhabenderer Menschen vor Augen zu­führen, die offensichtlich solch große Vorteile nicht verdienen.
     Gutbezahlte Experten streiten gerne darüber, ob die Globalisierung die wirtschaftliche Un­gleichheit verschlimmert hat, und wenn dies zutrifft, warum.1 Es scheint jedoch unbestreitbar zu sein, dass die reichsten ein oder zwei Prozent der Weltbevölkerung einen weit größeren ma­teriellen Luxus genießen als jemals zuvor, während die Ärmsten noch vielfach verhungern; und dass die Kluft zwischen den reichsten ein oder zwei Millarden Menschen und den ärmsten ein oder zwei Millarden sich immer schneller öffnet – was als indirekte Ursache der Gewalt wo­mög­lich noch bedeutsamer ist. Die meisten Ökonomen neigen dazu, solche Tatsachen auf ein­dimen­sionale finanzielle oder quasi-finanzielle Berechnungen zu reduzieren. Experten haben des­halb den Schluss gezogen, dass das Wohlstandsverhältnis zwischen den reichsten und den ärmsten 20% der Weltbevölkerung in den 60er Jahren etwa 25:1 betrug, jetzt aber bei mehr als 60:1 liegt.2
     Wenn nur wenige Leute ungeheurer reich wären, könnte man es vielleicht erklären („Sie ist Weltmeisterin“, „Er ist ein wichtiger Priester“), aber kein ideologischer Zauber läßt dies fair erscheinen – vor allem für Menschen, die in Zeiten der schnellen Globalisierung dem westlichen Konzept individueller Möglichkeiten ausgesetzt sind –, dass eine Milliarde Menschen etwa 60 mal reicher als andere sein sollen. Das ist keine reine ‘Theorie’; einige der Realitäten, von denen die Rechnung sich ableitet, werden als „Beleidigung“ von vielen Menschen nicht akzeptiert, während andere in der Lage sind, Gewalt anzustiften oder zu fördern, in der Hoffnung, dadurch ihre materiellen Vorteile zu bewahren.
     Hier möchte ich drei Punkte aufführen: (a) Viele Arme werden durch die übermäßige Un­gleichheit nicht zu gewaltsamen Gedanken angeregt. Die einen werden unternehmungslustig; andere versinken in trübem Fatalismus. (b) Die globalen Medien, die die Menschheit von der über­mäßigen Ungleichheit in Kenntnis setzen, übermitteln uns Nachrichten von zahlreichen mehr oder weniger abgelegenen Orten der Welt; es gibt also heute womöglich nicht mehr Gewalt als in der Vergangenheit, vielleicht sehen und hören wir eben mehr davon als unsere Vorfahren. (Jedenfalls wollen wir aber die Gewalt abmildern, wenn wir sie wahrnehmen.) (c) Der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen der Ungleichheit und der Gewalt, die daraus resultiert, ist so kompliziert, daß die Verringerung jener übermäßigen Ungleichheit nur einen notwendigen ersten Schritt bedeuten würde; sie wäre noch kein ausreichendes Heilmittel gegen das Problem der glo­balen Gewalt. Der große Politologe De Toqueville bemerkte (um 1850):
 
Die Erfahrung lehrt, dass der gefährlichste Moment für eine schlechte Regierung gewöhnlich der ist, wenn sie Reformen angeht. Nur ein politisches Genie kann einen Regenten retten, der es unternimmt, seine Untertanen nach einer langen Zeit der Unterdrückung zu befreien. Die Übel, die, solange sie un­vermeidlich waren, geduldig ertragen werden konnten, scheinen un­erträg­lich, sobald die Hoffnung be­steht, dass man sie abschaffen kann. Der Missbrauch, der beseitigt wird, lässt den, der verbleibt, umso schärfer hervortreten; wohl ist das Übel ge­mildert, aber es wird umso deutlicher wahrgenommen.3
 
     Tatsächlich beruht vermutlich ein großer Teil der modernen Gewalt auf der Wahrnehmung der Menschen, deren materielle Lage sich grundsätzlich bessert, die aber enttäuscht sind, weil ihr Wunsch nach Gütern davon abhängt, wieviel sie im Vergleich zu anderen besitzen.4
     Es scheint mir wichtig, sich an das Konzept „starker/schwacher Staat“ zu erinnern, das in Gun­nar Myrdals „Asian Drama: An Inquiry into the Poverty of Nations“ (1968), erläutert wurde. Myrdal war einer der Ökonomen und seine Frau Alva eine der Soziologen, die der schwedischen Regierung halfen, das Land ausder Verarmung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in ein wohlhabendes Landzu verwandeln. Sie waren der Meinung, dass die Pflichten der Regierung weit darüberhinaus gehen, die Sozialordnung aufrecht zu erhalten, wodurch private Unternehmer befähigt werden, sich für ungehinderten Geldgewinn einzusetzen. Sie halfen, eine Gesetzgebung zu entwerfen, welche die starke demokratische schwedische Regierung befähigte, hohe Steuern von den Reichen zu verlangen und diese Mittel dafür zu verwenden, dass Häuser für die Armen finanziert und sichergestellt wurden, dass alle Kinder der Nation zu guten Bürgern erzogen wurden und dass sogar die einkommensschwächsten Elternnicht ungewollt viele Kinder haben mussten. Diese Maßnahmen milderten die schädlichen Wirkungen der Kluft zwischen Reich und Arm.
 
     (3) Die Großindustrie beutet die menschlichen, materiellen und ökologischen Quellen der „unter­entwickelten“ Länder aus, was häufig Gewalt mit sich bringt. Ein anti-imperialistischer Ökonom, der in den 30erJahren mit Mahatma Gandhi zusammenarbeitete, J. C. Kumarappa, hat das damals in Zusammenhang mit der Massenfabrikationklar erkannt:
 
Während Rohmaterialen aus verschiedenen Stammesgebieten gewonnen werden, sind die Fabriken, die die Rohmaterialen zu Konsumartikeln verarbeiten, an einem Ort gelegen, damit dort die Ma­schi­nen ohne Zeitverschwendung und mit vollem Gewinn verwendet werden kön­nen. Wenn die Waren her­­gestellt sind, müssen sie verkauft werden. Da kommen dann die Prob­leme der Trans­port­wege, der Häfen, der Dampfer und der politischen Kontrolle durch die Staaten ins Spiel. Geldwechsel, Zölle und weitere finanzielle und politische Barrieren müssen bewältigt werden, umdie notwendigen Ein­rich­tungen bereitzustellen. All das kann nur mit der ‘Spitze des Bajonetts’ bewältigt werden.”5
 
     Die Situation, die am Ende des Zitats beschrieben wird, ist teilweise dem Fehlen effektvoller internationaler Gesetze zuzuschreiben, womit der Gebrauch von „Bajonetten“ vermieden werden könnte. Vielleicht können in einer glücklicheren zukünftigen Phase der Globalisierung Ein­richtungen ähnlich der WTO – aber eher auf soziale Bereiche bezogen6 – den Stand der inter­nationalen Gewalt verringern, der indirekt (und auch manchmal direkt) auf die Großindustrie zurückzuführen ist. (Dem positiven Effekt der Europäischen Union darf man die Tatsache zu­schreiben, daß es innerhalb Westeuropas im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts weniger inter­nationale Gewalt als in der ersten Hälfte des Jahrhunderts gegeben hat.) Oder vielleicht wird es jedoch stattdessen immer mehr Gewalt auf internationaler Ebene geben.
 
     (4) Die technischen Möglichkeiten für Gewalt haben sich vermehrt. Man denke nur an mo­derne Gewehre, Bomben, Flugzeuge, Foltermethoden7 usw. und an die modernen Medien, die es gewaltbereiten Leuten in einem Teil der Welt ermöglichen, die Techniken von ähnlich Gesinnten anderswo zu erlernen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Aus all diesen Gründen gibt es heute vermutlich doch mehr menschliche Gewalt als in den meisten früheren Epochen. Das Militär nennt einen Teil davon „Kollateralschaden“, es ist aber trotzdem Gewalt. Eine Landmine z.B. ist ebenso gewalttätig, ob sie den Fuß eines Soldaten kurz nach der Verlegung oder den Fuß eines unschuldigen Kindes Jahrespäter zerstört.
     Die Pflichten einer starken demokratischen Regierung schließen ein, daß die Menschen we­niger leicht Zugang zu tödlichen Waffen haben. Ich finde, dass die USA (mein Heimatland) strengere Schusswaffen-Gesetze haben sollten und dass die Versuche dieser Regierung im Prin­zip richtig sind, die ein internationales Gesetz zur Beschränkung weltweit verfügbarer Massen­ver­nichtungswaffen unterstützen (was aber nicht die kontraproduktive Idee einer Ära amerikani­scher Weltherrschaft bedeuten sollte).
 
     (5) Es gibt ein bemerkenswert schnelles Wachstum verschiedener Arten von kultureller Ver­flechtung dank der verbesserten Medien und der Migration aus ökonomischen Gründen. Das be­deutet kleinere und größere Herausforderungen für traditionelle, mehr oder weniger lokale Kul­tur­gebiete. Gewisse Leute werden dadurch moralisch „haltlos“ und daher gewaltbereit, an­dere fühlen sich kulturell eingeschüchtert oder anderweitig überfordert. Ein vertretbares Maß an Mi­gra­tion und kultureller Verflechtung ist förderlich, aber an manchen Orten geschieht die Im­mi­gration auf eine Weise, die psychologisch unerträglich ist. Das ist eine wichtige Ursache für den gewaltbereiten falschen Bewusstseins zustand religiöser Fundamentalisten.
     Religiöse Unter­schiede an sich bewirken noch keine Gewalt; Menschen verschiedener religi­öser Herkunft ver­tragen sich gut, sofern es nicht zu viel sozio-ökonomische Un­gleich­heit zwi­schen ihnen oder zu viel Konkurrenz bei der Benutzung knap­per Ressourcen gibt. Aber Religion kann jenen „höhere“ Weihen ver­leihen, die aus moralischer Verletzheit, Frustration oder Er­nie­drigung Gewalt be­jahen.
 
<?xml:namespace prefix =" v" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:vml"" />

<?xml:namespace prefix =" w" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:word"" />     (6) Der Druck auf die ökologischen Kapazitäten der Erde, um die mensch­­liche Bevölkerung zu versorgen, nimmt heute bedenklich zu, weil die Bevöl­kerung zugroß ist und zu schnell wächst (s. Gra­phik) – wie auch der pro-Kopf-Verbrauch und -Abfall.
     Unter diesen Um­ständen wäre es ver­nünftig, we­ni­ger Kinder in die Welt zu setzen und Güter gleich­­mäßiger zu verteilen (was außer­­dem das Problem von extremen un­gerechten Unter­schie­den zwi­schen Reich und Arm ent­schär­fen wür­de); aber während gerade viele der Armen keine Fa­milien­planung be­trei­ben, denken die meisten Reichen noch nicht ernsthaft an Möglich­keiten zu teilen, weil sie – so nehme ich an – Angst haben, dass die Annahme, die Erde könne genug für die Versorgung aller bieten, bereits nicht mehr stimme oder bald nicht mehr stimmen werde. So entsteht die unterschwellige Ten­denz, weniger in der Richtung zu denken, dass Ver­teilung mas­sive Gewalt vermeiden hilft, als viel­­mehr Gewalt zu nutzen, um sich selbst oder die eigene Fami­lie oder die ört­lichen Gruppen, mit denen man sich identifiziert, vor­rangig zu be­handeln.8
     (Ich erlaube mir hier als warnendes Beispiel zu erwähnen, dass die Regierung Indiens 1974 ziemlich viel Gewalt verursachte, als sie Richtzahlen dafür festlegte, dass Männer sich „frei­willig“ steri­li­siren ließen zugunsten eines nationalen Programms, das die Be­völkerungs­explosion im Zaum halten sollte. Besser wäre es, wenn eine demo­kra­tische Regierung das Problem auf eine Weise an­ginge, dass sie eine hoch­qualifizierte allgemeine Grund- und Weiter­bildung­anböte, da­mit Frauen sozial gestärkt würden. Die große Mehr­heit gebildeter und sozial starker Frauen würde lieber ein, zwei oder drei Kinder ge­bären als eine große Anzahl.)
     Aber sogar wenn das Bevölkerungswachstum eingeschränkt wür­de, könnte die Erde ver­mut­lich kaum mehr lange die kon­kurriende Habgier der Menschen befriedigen, die im 20. Jahr­hun­dert üblich war. Es gibt jetzt ein Konzept (1996 erarbeitet),9 das es der ökologischen Ökono­mie gestattet, teilweise abzuschätzen, wie die Wohlstandsgesellschaften Druck auf die Kapazi­täten der Erde ausüben, um die Menschheit zu versorgen, und dabei indirekt Gewalt in der Gesell­schaft auslösen – nicht etwa durch Gewaltakte, sondern allein durch den im 20. Jahrhundert üb­li­chen Wohlstandsstil. Das Konzept heißt ecological footprint (ökologischer „Fussabdruck“). Zu­nächst ist es notwendig, kurz die Beziehung zwischen (a) ökologischer Ökonomie und (b) um­fas­senden ökonomischen closed-system- bzw. open-system-Modellen zu erklären. Umfas­sende closed-system-Modelle beziehen alle sozio-ökonomischen Austauschmöglichkeiten ein, also auch jene, die nicht entlohnt werden und deshalb neben der Marktwirtschaft einherlaufen (z.B. viel Frauenarbeit); trotzdem nennt man sie „geschlossen“ im Sinn von Begrenzung auf sozialen Austausch ohne Einbeziehung ökologischer Tatsachen. Open-system-Modelle umfassen closed-system-Modelle und darüberhinaus den Austausch zwischen den Menschen und dem Rest der Ökosphäre. Diejenigen Aspekte der open-system-Modelle, die in den closed-system-Model­len nicht enthalten sind, werden von der ökologischen Ökonomie berücksichtigt.
     Der ecological footprint einer bestimmten Bevölkerung definiert sich als das gesamte Areal öko­logisch produktiver Flächen von Land und Wasser (Ackerland, Weiden, Wald, Sumpf, Flüs­se, Meer usw.), das angesichts der vorherrschenden Technologien erforderlich wäre, um dauer­haft die Energie und die Rohstoffe zu liefern, die von dieser Bevölkerung verbraucht wer­den, und auch die Abfälle aufzufangen. Es wird nach Flächen (verschiedenartige Bereiche der Erd­ober­­fläche) berechnet, anstatt nach Geld. Dies umfasst verschiedene Aspekte von öko­logi­scher Öko­no­mie etwa analog zu der Art und Weise, wie Lebenshaltungskosten und ähnliche Indizes ver­schiedene Aspekte der Marktwirtschaft zusammenfassen. Ein einleuchtender Aspekt des eco­logical-footprint-Index ist, dass für jede Nation viele Teilaspekte ungefähr abgeleitet wer­den kön­­nen aus Daten, die schon für die Marktwirtschaft gesammelt vorliegen. Zum Beispiel kann eine Schätzung der Weidelandkomponente des nationalen ecological footprint aus (a) der Sum­me der jährlichen Ausgaben für Milchprodukte und (b) der Schätzung, wieviel Weideland (nicht un­bedingt aber in dem gleichen Land) für diese Produkte nötig sind, abgeleitet werden.
     Man kann auch die „national verfügbare Biokapazität“, d.h. wieviel ökologisch produktive Ober­­fläche verschiedener Art in der jeweiligen Nation zur Verfügung steht, berechnen. Der eco­logical foot­print minus die verfügbare Biokapazität ist der „ökologische Überschuss bzw. Mangel“; und wenn man diese drei Zahlen durch die Anzahl der in der Nation lebenden Men­schen teilt, be­kommt man entsprechende pro-Kopf-Schätzungen. Die Tabelle zeigt einige davon pro Hektar ca.1995:10
Ökologische
  verfügbare                  Ecological            Überschuß
                                    Biokapazität                    footprint       bzw. Mangel
 
   Australien                14.0                      9.0                  5.0
      Kanada                  9.6                      7.7                  1.9
  Schweden                  7.0                      5.9                  1.1
         Brazil                  6.7                      3.1                  3.6
          USA                   6.7                     10.3                – 3.6
   Deutschland                   1.9                      5.3                – 3.4
        Japan                  0.9                      4.3                – 3.4
         China                  0.8                      1.2                – 0.4
        Indien                  0.5                      0.8                – 0.3
 
               Erde                  2.0                      2.8                – 0.8
 
     Da sich diese obigen Berechnungen auf die Erdoberfläche beziehen, kann man sie nicht auf Aspekte des Raubbaus (z.B. fossilen Brennstoffs) oder der Verschmutzung (z.B. der Luft) an­wenden, da diese nach Volumen berechnet werden müssen. Aber trotz der Erklärungs­schwierig­keit und der Grobheit dieser Schätzungen (obgleich sie nicht ungenauer sind als die routine mäßig in der Marktwirtschaft verwendeten) ist der ecological footprint eine praktische Methode, um eine Menge für die ökologische Ökonomie nützlicher Informationen zusammenzufassen. Die Methode zeigt klar, dass der Durchschnittsmensch in den USA in den 1990er Jahren z.B. viel­mehr als der Durchschnittsmensch in China zum weltweiten ökologischen Defizit beitrug. Dies ist dann wieder ein Hinweis darauf, in welchem Ausmaß die Menschheit das endliche natürliche Kapital der Erde für den laufenden Verbrauch nutzte.
     Einige behaupten, daß die Wissenschaft bezüglich des technologischen Fortschritt seine „ma­gi­sche Zauberformel“ entwickeln werde, wodurch die Reichen ihre Wünsche nicht ein­schränken müssten. Aber die Probleme der Gewalt bezüglichder Konkurrenz in Anbetracht makro­öko­logi­scher Verschlechterung könnten so gravierend werden, dass die Menschheit einer klugen Tech­nologie und einer starken Regierung und freiwilligen Einschränkung bedürfte, um zu überleben.
 
     Abschließende Bemerkungen: Ich glaube, eine starke demokratische Regierung muß große Belastungen aushalten, um Beschränkungen zu erreichen hinsichtlich (a) der riesigen Kluft zwi­schen Reich und Arm, (b) der skrupellosen Konkurrenz innerhalb der Großindustrie, (c) der Ver­fügbarkeit von Gewalttechniken und (d) des bedenklichen makroökologischen Raubbaus und der Um­weltverschmutzung. NGOs, Schulen und die öffentlichen Medien können dazu beitragen, einen Funken Übereinstimmung bei solchen politischen Schritten und bei den Problemen der Be­völkerungsexplosion zu entwickeln. Sie können direkt dazu beitragen, daß (a) bessere Arten von small-is-beautiful-Produktionsweisen zur lokalen Verteilung gefördert werden, (b) die Rei­chen über­zeugt werden, freiwillig einen schlichteren Lebensstil zu pflegen, (c) die Verwir­rungen in­folge starker gegenseitiger kultureller Durchdringung gemildert werden, und (d) ältere kul­turelle und psychologische Ursachen für Gewalt angesprochen werden, die hier noch nicht er­wähnt wurden.11
 
Anhang: Die Einschätzung der ökonomischen Ungleichheit
 
     Unterschiede im monetären Reichtum sind ein ziemlich einfaches Merkmal ökonomischer Un­gleich­heit. Eine alternative Methode, um die durchschnittlichen wirtschaftlichen Bedingungen zweier verschiedener Länder versuchsweise zu vergleichen, besteht darin, die „purchasing power parity“ (PPP) (= Kaufkraftparität) zu schätzen, indem man das Verhältnis zwischen dem geschätz­ten Niveau des Einkommens12 in den beiden Ländern durch das Verhältnis der dort ge­schätz­ten Lebens­haltungs­kosten teilt. Aus Schätzungen, die von der Weltbank veröffentlicht wer­den, kann man ab­leiten, dass zwischen den USA und China im Jahr 2004 das geschätzte Ver­hält­nis des jährlichen pro-Kopf-Ein­kommen bei 31:1 lag, hinsichtlichder PPP bei 7:1; zwischen den USA und Indien 67:1 bzw. 12½:1; zwischen den USA und Mauretanien 98½:1 bzw. 19½:1.13 Da die PPP-Verhältnisse nicht so drastisch unfair zu sein scheinen wie die, welche nur auf Vergleichen der geschätzten Einkommen fußen, sollte man darauf hinweisen, daß PPP-bezogene Vergleiche weltweit gesehen nur begrenzt gültig sind, da sie von Schätzungen der Le­bens­haltungskosten in vielen verschiedenen Ländern ausgehen – Kosten, die manchmal für kaum vergleichbare verschiedene Lebensweisen (d.h. für sehr ver­schie­denen durchschnittlichen Ver­brauch von Gütern) entstanden sind. Zwei führende Verteidiger der PPP-bezogenen Schä­tzung der länderübergreifenden Unterschiede bei „real GDP“ (= reale Brutto­inlandsprodukt) geben zu, daß solche Schätzungen problematisch sind. Die Gründe dafür sind, dass „die Un­genauig­keiten wegen der Qualitätsunterschiede sich nicht in Preisunterschieden spiegeln, dass die jeweiligen Produktlisten nicht identisch sind, weil nicht-bemarktete Güter und Dienst­leistungen... auftreten können, die stichhaltiger in länderübergreifenden Vergleichen sein kön­nen, als wenn es sich um Veränderungen in einem einzigen Wirtschaftsbereich handelt“. Diese Ver­teidiger der PPP-bezogenen Vergleiche der GDP in verschiedenen Ländern betonen, dass solche Schätzungen „nicht vergleichbare Lebensstandards oder... [vergleichbares] Reichtumsniveau mes­sen“.14 Außer­dem sind einige der Ungleichheiten, die in den letzten Jahrzehnten so schnell zu­ge­nommen haben, dass sie zweifellos starken Unmut geweckt haben, sowohl politischer als auch begrenzt öko­no­mi­scher Natur. In diesem politischen Zusammenhang sind die einfachen Markt-Aus­tausch-Quoten zwi­schen verschiedenen Arten von Geld wichtig, da sie den Reichen (wenn sie es wol­len) ermöglichen, die Armen durch Bestechungsgelder, Verschuldung, Attentate usw. auf globaler Ebene auszu­nutzen.15
     Durchschnittliche Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern sind natürlich nicht die ein­zigen extremen Unterschiede an Wohlstand. Dazu nur ein Beispiel: Während ziemlich viele Brasilianer mit­­tellos sind und mehr als die Hälfte von ihnen ärmer sind als fast alle Franzosen, sind einige Bra­silianer am weltweiten Standard gemessen sehr reich (und 10% in der Tat reicher als die Hälfte der Franzosen).16
     Man sollte auch erwähnen, dass es eine noch viel kompliziertere Herausforderung ist, globale öko­­nomische Ungleichheit zu messen, als meine Bemerkungen über PPPes vielleicht nahe­legen. Es ist z.B. unmöglich zu wissen, wie viel Geld die sehr Reichen haben, denn ihre Macht ist so groß und weitreichend, dass sie die fiskalischen Tatsachen geheim halten können, wenn sie es wollen. Ein wei­teres Problem besteht darin, dass die ökonomischen Ungleichheiten, d.h. Ungleich­heiten bezüglich des materiellen Wohlbefindens der Menschen, mit weit mehr zu tun haben als mit der Frage, wie viel Geld die Menschen besitzen und welche regionalen Unterschiededer Lebens­haltung vorhanden sind. Einige der Ungleichheiten, die jetzt immer signifikanterher vortreten, haben in der Tat mit den vers­chiedenen Ebenen ökologischer Verletzlichkeit zu tun und deswegen mit so schwer zu benen­nenden Risiken, dass Ver­sicherungs­gesellschaften nicht einmal versuchen, sie zu schätzen.
 
Anmerkungen
 
1  Siehe z.B. Branko Milanovic, Can we discern the effect of globalization on income distribution? Evidence from household budget surveys, in „World Bank Economic Review, No. 1“ (2005), SS. 21–44; Landkarten von globalen Un­gleichheiten, die bei <http://ucatlas.ucsc/edu> zu sehen sind; Jan Otto Anders­­son, International trade in a full and unequal world (s. www.lucsus.lu.se/Jan_Otto...); und Pranab Bhardan, Samuel Bowles und Michael Wallerstein, hrsg., „Globali­za­tion and Egalitarian Redistribution“ (Princeton Univ. Press, 2005). Bhardan will (SS. 13-14) „some modest re­strictions on the full fury of globalization“ sehen; er sieht eine „devasta­tion caused to fragile economies by billions of dollars of volatile short-term capital stampeding around the globe inherd-like movements“ – ein Phänomenon, das Walden Bello zufolge von einer „crisis of over­production and overcapacity [that] will continue to haunt the global economy“ abhängt („Di­lem­mas of Domination: The Unmaking of the American Empire“, Henry Holt, New York, 2005, S. 211).
 
2  Meine Quellen dafür werden im Anhang angegeben.
 
3 „[L]’expérience apprend que le moment le plusdangereux pour un mauvais gouvernement est d’ordi­naire celui où il commence à se réformer. Il n’y a qu’un grand génie qui puisse sauver un prince qui entre­prend de soulager ses sujets après une oppression longue. Le mal qu’on souffrait patiemment comme in­évitable semble insupportable dèsqu’on conçoit l’idée de s’y soustraire. Tout ce qu’on ôte alors des abus semble mieux découvrir ce qui en reste et en rend le sentiment plus cuisant: le mal est devenu moindre, il est vrai, mais la sensibilité est plus vive.“ Alexis de Tocqueville, „L’ancient régime et la revolu­tion“, Paris, 1856; 4. Ausgabe, 1858; III. Buch, 4. Kapitel, der 8-letzte Abschnitt.
 
4  Siehe Richard A. Easterlin, hrsg., “Happiness in Economics” (Edward Elgar, Northampton MA, 2002); Richard Layard, „Happiness: Lessons from a New Science“ (Penguin, 2005); Robert H. Frank, Positional externalities cause large and preventable welfare losses, in „American Economic Review Papers and Proceedings“ CXV/2 (2005), SS. 137–151; und Jonathan Haidt, „The Happiness Hypothesis“ (Perseus, 2006), SS. 88-89 und 98-102.
 
5  „While the plant that transforms raw materials into consumable articles is located in some one place, the... raw materials are gathered from the places of their origin and brought together to feed the machinery ...at a speed demanded by the technical requirements... for production at an ‘economic speed’.... [And then] when the goods have been produced they have to be sold. Again the problems of routes, ports, steam­ships and political control of peoples have to be faced. Exchange, customs and other financial and political barriers have to be regulated to provide the necessary facilities. All this can be done only at the point of the bayonet.“ Zitiert in Mark Lindley, „J.C. Kumarappa: Mahatma Gandhi’s Economist“, Popular Prakashan, Mumbai, 2006, S. 34.
 
6  Siehe Joseph Stiglitz, „Making Globalization Work“, Norton, New York, 2006.
 
7  Siehe Alfred W. McCoy, „A Question of Torture: CIA Interrogation, from the Cold War to the War on Terror“, Henry Holt, New York, 2006.
 
8  Eine vom Pentagon angeforderte analytische Studie, die 2003 vorgelegt wurde, besagt, dass wenn die carry­ing capacity der Erde „suddenly lowered drastically by abrupt climate change“ wäre, dann würden „constant battles for diminishing resources“ folgen: „warfare would define human life.... It is quite plausi­ble that within a decade the evidence of an imminent abrupt climate shift may become clear and reli­able. ...[T]he United States will need to take urgent action.... Disruption and conflict will be endemic fea­tures of life.“ (Peter Schwartz und Doug Randall, An abrupt climate change scenario and its implications for United States national security, SS. 17-18 und 22; siehe:
<www.environmentaldefense.... .)
 
9  Mathis Wackernagel und William Rees, „Our Ecological Footprint“, New Society Publishers, Gabriola Island, Kanada, 1996. Für die jetzige „Global Footprint Network Annual Report“, siehe:
 <www.footprintnetwork.org>.
 
10  Gekürzt von Tafel 4 in Mathis Wackernagel et al., National natural capital accounting with the eco­logical footprint concept, in „Ecological Economics“ XIX (1999), SS. 375-390. Die Länder sind hier in umgekehrter Folge der pro-Kopf verfügbaren Biokapazitäten (und damit Indien wegen seiner Be­völkerungs­dichte an letzter Stelle) aufgelistet.
 
11  Ein Grund dafür, daß ich diese andere Ursachenicht behandle, ist der, dass ich vermeide, „Gewalt“ in einem solch kurzen Aufsatz definieren zu müssen. (Meine Auffassung des Begriffs sollte durch den Be­zug auf Landminen deutlich genug sein.)
 
12  Eine Methode, das jährliche Durchschnittseinkommen in einem Land zu berechnen ist, den ge­schätzten monetären Wert seines jährlichen gross domestic product (GDP) durch die angebliche Zahl der Einwohner zu teilen. Für länderübergreifende Vergleicheteilt man die daraus folgenden pro-Kopf Zahlen durch die durchschnittliche Marktaustauschquote zwischen den zwei Jahres währungen.
 
13  „World Development Report 2006. Equity and Development“, Die Weltbank und Oxford University Press, 2005, SS. 292-293.
 
14  Ian Castles und David Henderson, International comparisons of GDP: issues of theory and practice, in „World Economics“ VI/1 (2005), SS. 63-64: „[The inaccuracies which] may arise because differences in quality are not reflected in price differences, because the respective product lists arenot identical, and from the presence of non-marketed goods and services... can be more serious in cross-country com­pari­sons than when changes in a single economy are in question.“ (S. 63); „[International PPP-estimates] do not measure comparative living standards... or welfare“ (S. 64). Das „Lebenshaltungskosten“-Konzept (cost of living) wurde ursprünglich in den 30er Jahren entwickelt, um die Kosten in aufeinanderfolgenden Jahren im selben Land (nicht aber in verschiedenen Ländern zurgleichen Zeit) zu vergleichen.
 
15  John Perkins, „Bekenntnisse eines Economic Hit Man“ (Riemann, München, 2005) ist ein auto­bio­graphischer Bericht über Arbeiten dieser Art, die Perkins, ein Amerikaner, jahrelang für große „cor­pora­tions“ und mit Hinweis von einem Mitglied des National Security Council im White House (wo man den Aus­druck „economic hit man“ seinen Memoiren zufolge für Agenten wie Perkins und den Ausdruck „jackal“ für angeheuerte Mörder benutzte) verwendete.
 
16  Ich leitete diese Aussagen ab von Figur 1 in Branko Milanovic, World income inequality: a review, in „World Economics“ VII/1 (2006), SS. 131-157. Einige Berechnungen der seit dem Jahr2000 steilen Zu­nahmen an Ungleichheit (sofern diese durch ein Beispiel von 100 000 Einkommensteuer-Rückzahlungen geschätzt werden können) unter wohlhabenden Menschen in den USA sind zu finden in Ian Dew-Becker und Robert Gordon, Where did the productivity growth go?, in William C. Brainard und George L. Perry, hrsg., „Brookings Papers on Economic Activity, 2:2005“ (Brookings Institution, Washington, 2006), SS. 67-127 (siehe auch SS. xvi-xx).