Leserartikel-Blog

Das Gutenberg-Phänomen

Realitätsmonopol und zeitgenössische Medienrevolution

( Das Internet - Beseitigung oder Erweiterung der "Realität" ? Fluch und Segen des "Neuen")

Ist das Internet das modernste und grösste Schlachtfeld der Welt ? Wird im ersten und einzigen globalen MultiClient-Netzwerk der Kampf um die Realität entschieden werden? Kann es das Zünglein an der Waage für eine Zukunft in Freiheit und Frieden sein?

Wir beobachten über Webcam das Nordpoleis. Wir chatten mit volksrepublikanischen Chinesen. Wir tauschen politische Informationen mit US Bürgern aus. Wir lesen 17 auf der Welt verstreute Zeitungen. Abermillionen von Menschen teilen täglich ihre Ideen und Meinungen. Ist das materialisierte Transzendenz oder das Frühstadium einer Epoche der Transparenz durch Individuen in einer weltumgreifenden, komplexen Machtstruktur und somit die praktische Dekonstruktion des bestehenden Realitäts- und Objektivitätsmonopols dieser Struktur?

Kulturhistorisch erlebt die industrialisierte Welt eine zweite Kommunikations- und Medienrevolution, die an Bedeutung nur der Erfindung und Etablierung des Buchdrucks gleichkommt. Während Gutenberg (1397-1468) ein Tim Berners-Lee und ein Marc Andreessen in Personalunion war, haben diese 1994 durch ihre innovativen Internettechniken eine Umwälzung im Kommunikationssektor ausgelöst, die quantitativ aber auch qualitativ alle Vorstellungen sprengt und sich immer noch mit dem exponentiellen Beschleunigungsmoment eines Schneeballsystems der Realität bemächtigt.

In unserer 2.0 Gegenwart, in der Kommunikation zur religiösen Praxis oder gar zum Religionssubstitut wird und das Göttliche darin das Netzwerk ist, kann man davon ausgehen, dass wir die medientheoretisch definierte "Gutenberg Galaxis" verlassen, ein Teil der zumeist westlichen Weltbevölkerung sich längst in der nach den Web-Erfindern entsprechend benannten "Berners-Lee-Andreessen-Galaxis" befindet.

Die Folgen der ersten Medienrevolution durch den gutenbergschen Buchdruck sind dokumentiert und bekannt. Nicht nur die initiale Alphabetisierung, sondern auch der Bruch des klerikal-aristokratischen Bildungsmonopols durch unbeschränkte Vervielfältigungsmöglichkeiten bewirkte starke Veränderung im Denken und eine tiefgreifende gesellschaftliche Neuordnung. Die typisch mittelalterliche Machtstruktur - das Diktat des Klerus - findet ein definitives Ende in der lutherschen Kritik (1517) und den resultierenden lokal spezifischen Kirchenabspaltungen - evangelisch, anglikanisch, calvinistisch, etc., deren einnehmende Dynamik in den 30jährigen Krieg (1618-48) mündet.

Sowohl die katholisch dominierten Staaten als auch das anglikanische England sahen ihre Realitäts- , Meinungs- , Wissens- und Machtmonopole stark gefährdet. Auch mit bis ins 17te Jahrhundert reichenden Druck - und Bücherverboten und zentralisierter Zensur konnten die langfristigen Konsequenzen dieser medialen Revolution nicht verhindert, ihre Monopole nicht gerettet werden. In einem aus Reformation und Renaissance resultierenden Weltbild der neuen Bildungsgesellschaft blieb der Buchdruck als Medium der schreibenden Zunft treibende Kraft, die Wissen und Wissenschaft, Autorenschaft und Expertentum sowie kritischer Auseinandersetzung mit Inhalten theoretisch keine Grenzen setzte. Dies führte in den auf Gutenberg folgenden Jahrhunderten zur Epoche der Aufklärung, als einem Höhepunkt der europäischen - und zu dem Zeitpunkt auch amerikanischen - Kultur, der in demokratischen und menschenrechtlichen Ideen, Kants berühmtem Satz: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" (1784) und der französischen Revolution (1789) eine Antwort fand.

Aber das Leben ist nicht nur Vernunft und Logik. Im 20igsten Jahrhundert zunehmend tauchen kritikwürdige Konsequenzen der nie endenden Aufklärung die westliche Welt in ein Blutbad. Wie Horkheimer und Adorno in ihrer Dialektik der Aufklärung (1944) zeigen, läuft die Aufklärung ständig Gefahr ihr eigenes Gegenteil, ein mythisches Weltbild, mittels der modernen Technologie zu fördern, die in erster Linie Waffe ist oder militärischen und machterhaltenden Zielen dient.

Nach dem Debut der elektrischen und elektronischen Erfindungen entstehen neue mediale Techniken. Ungeahnte Auflagenhöhen in den Printmedien und die schnelle Verbreitung des Radios ermöglichen, identische Information an riesige Menschenmengen gleichzeitig mit hoher Wiederholfrequenz zu senden und verleiten somit zur Erzeugung einer "objektiven" Wahrheit bzw. zu ideologischer Manipulation und Desorientierung zum Zweck einer leichteren Beherrschbarkeit der vielen Empfänger in aller Welt oder in den einzelnen Nationalstaaten. Dieses widerspricht dem Wunder der Aufklärung, das sich immer schneller in sein Gegenteil verkehrt und so neue Unmündigkeit erzeugt. Diese "Gegenaufklärung" durch die massive Berichterstattung zum gesellschaftlichen und industriellen "Fortschritt" kann der Einzelne nur durch die modernen und zentral kontrollierten Informationskanäle weiter mitverfolgen.

So ist die mediale Manipulation ganzer Bevölkerungen zwar aus der Aufklärung geboren, aber wird politisch und wirtschaftlich zu der Machtkonzentration führen, die den feudalen Strukturen vor der gutenbergschen Medienrevolution im Mittelalter gleichkommen. Jene frühere Struktur erkennen wir heute in der schmalen Eigentümerelite der medialen Welt wieder, welche somit wieder ein Monopol hält auf das, was wir "Realität" nennen, bzw. auf das, was die Medienkonsumenten als "Realität" angeboten bekommen und auch lange aus Mangel an alternativen Informationsquellen als "Realität" bezeichnen müssen.

Zusätzlich zur Monopolgewalt über die selektiven Medieninhalte und Darstellungen der Wirklichkeit durch Muster des "Vergessens" oder durch die methodische Unterschlagung werden Profite durch Urheberschaft aus diesem Zentralismus generiert. Dass diese kommerziellen Eigentumsrechte nicht nur auf wirtschaftlichem Urheberschutz, also Copyright basiert, sondern historisch auf klerikal-juristische Urheberfeststellung im Auftrag der Inquisition zurückgeht, sei nur nebenbei bemerkt. Hier wird also die 4. gesellschaftliche Gewalt, die in ihrem nichtöffentlichen Interesse der Eigentümer dem öffentlichen Interesse des politischen Souveräns entgegenarbeitet, zur Waffe und besichert sich selbst in ihrer gleichzeitigen Erscheinungsform als Eigentum. Ein virtuoser Kreislauf aus Bevormundung und Unterdrückung, in dem sich Aufklärung in ihr Gegenteil verkehrt, bzw. deren Schwächen sich zeigen in ihrer Käuflichkeit, ihrem vagen Allgemeingültigkeitsanspruch und in ihrem suggestiven Anspruch auf Objektivität, den sie in Nebensächlichkeiten beweist, um ihn in Hauptsachen missbrauchen zu können. Gerade im letzten Punkt erweist sich diese "Alzheimerdoktrin" immer mehr als anwendbar an einer getäuschten Bevölkerung von "Alzheimerdemokraten".

Gebildete Gesellschaftsgruppen und eine intellektuelle Elite erkennen natürlich die Potenz der neuen Massenmedien in Bezug auf gesamtgesellschaftlich höhere Bildung und deren darin implizit erweiterte Demokratisierungsmöglichkeiten. Da aber die Eigentümerelite der Medien sich nicht nur global weiter konzentriert und zentralisiert, sondern immer mehr mit den Eigentümern anderer wichtiger industrieller Komplexe indentisch wird, erliegen die neuen Medien der totalen Subordination unter macht- und wirtschaftspolitische Interessen immer perfekter. So kommte es in "demokratischen" Staaten trotz bestehender Meinungsfreiheit und umfassender Bürgerrechte zur realen Ohnmacht des Souveräns Volk und zur Omnipotenz einer herrschenden Elite, vertreten durch ihre diversen Dienstleistungsringe in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Presse. Dies ähnelt einer gleichsam modernen, globalisierten Variante der griechischen Polis mit ihrer begrenzten Teilnehmerzahl an Elitedemokraten, den wahlberechtigten Entscheidungsträgern des "Demos" im Zentrum und seiner Peripherie der Massen abgabepflichtiger quasi "Metöken" (nicht stimmberechtigte Ausländer), denn diese duerfen zwar ohne entscheidende Konsequenzen wählen, müssen aber hauptsächlich Steuern zahlen zur Finanzierung und zur Sicherung des Machterhalts.

Angesichts dieser gesellschaftlichen Struktur wird Bildung zusehends weiter verknappt. Zugang zur Bildung wird teuer und schwierig gestaltet, um die mediale "Realität" als Monopol auf die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität zu stützen und die Beeinflussbarkeit der Bevölkerung zu gewährleisten. Durch weitreichende virtuelle Illusionswelten von Holly- bis Bollywood, von "World of Warcraft" bis "Second Life" werden die konsumierenden und medial zum Konsum angeregten Menschen jenseits der subelitären Dienstleisterbranchen zu einem nicht eigenverantwortlichen Leben ohne eigeninitiatives Denken und Entscheiden versucht. Der Mensch wird zum Konsumenten degradiert und dies auch besonders auf Ideologie bezogen. Solchermaßen manipuliert, werden Menschen überredet und verführt, in letzter Konsequenz nicht nur ethisch unhaltbare imperialmilitärische Machterweiterungen zu akzeptieren, sondern sie auch unter zum Teil grossen Opfern in den eigenen Reihen zwecks Profitmaximierung besagter quasi monopolistischer Eigentümerelite und deren Machtinteressen durchzuführen.

Diese Elite selbst tritt, wie oben angedeutet, nur noch durch ein Stellvertreterprinzip in nicht transparenten und nicht öffentlichen internationalen Gruppierungen wie zB der Bilderberg Konferenz oder der Trilateralen Kommission - eben nicht in Erscheinung. Und selbst dort noch werden Angehörige jener Elite gegebenenfalls als anonyme "Investorin" nur vertreten.

In dieser Konstellation, in der wirtschaftliche, politische und meinungsbildende Gewalt durch Korruption und Lobbyismus in eine Hand fallen, werden so ziemlich alle Ideale der republikanischen Aufklärung (Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit) korrumpiert und beschädigt, werden praktisch nicht mehr gesellschaftlich gelebt, sondern führen wieder ein Schattendasein im Idelogischen und Illusorischen, denn es reetabliert sich ein neo-feudales Klassensystem. Der Willkür ist durch die gesellschaftliche Rollenverteilung in Dienstleistungsringe von Gnaden der Eigentümerelite keine Grenzen gesetzt, solange nur die gewünschte "Realität" entsprechend makellos medial erzeugt und auch von der Masse der Rezipienten entsprechend akzeptiert wird und solange keine alternativen unkontrollierten Informationsquellen zur Verfügung stehen.

Nun - die Berners-Lee-Andreessen Medienrevolution verhindert genau dies! Seit der erfolgreichen Etablierung des World-wide-web sprechen wir nicht umsonst vom "global village", das ausgerechnet in dem Moment eine voluminöse "Gegenöffentlichkeit" hervorbringt, als das internationale "Behauptungs"-Monopol arrogant davon ausgegangen ist, dass ihr Beeinflussungs- bzw. Führungssystem perfektionistische Reife erreicht hat.

So kann 9/11 - die global grösste Gehirnwäsche der Postmoderne, die oberflächlich betrachtet nichts weiter ist als die übliche ideologische Offensive oder militärische Aggression einer Imperialmacht unter falscher Flagge - in dieser historischen Situation nicht mehr wie sonst von den korrumpierten Dienstleistern der Elite kontrolliert werden. Den Eigentümern des Medienkartells entgleitet zumindest für einen Moment - wir sind mitten darin - dieser ungleich schneller verlaufenden, zweiten grossen Medienrevolution die erwünschte totale Kontrolle über ihr Monopol, unsere Wahrnehmung vom Wirklichen zu beherrschen. Es entbrennt erneut der Kampf um das, was wir als Wahrheit ansehen.

"Gutenberg" erfindet quasi den "Buchdruck" neu, da sich eine Vielfalt der Informationsquellen zusätzlich zu den monopolisierten Quellen ergibt. Aufgrund der medialen Neustrukturierung in individualisierte und direkte Multi-Client Informationsweitergabe über Foren, Blogs und Portale auch wirtschaftsunabhängiger und ausserstaatlicher Organisationen und nicht zuletzt unzählbare private Websites wird es jedem interessierten Geist möglich, sich bei Sichtung aller zugänglichen Information zu einem Thema ein individuelles Bild zu machen. Eine Kenntnisnahme von der relativen Nichtzugänglichkeit bestimmter, möglicherweise relevanter Information kann so erst erfolgen. Auch Informationen aus erster Hand und "unzensierte" Kommentare werden von interessierten und engagierten Freiwilligen ins Netz gestellt, wobei die Tranzparenz der Quellen zum obersten Prinzip der "Linkkultur" erhoben wird. Von relativ gesehen weniger kontollierten Informations- flüssen und -quellen zur Wahrnehmung von "Realität" kann jetzt ausgegangen werden.

Zeigen sich bei Recherchen im Web dann auffällig häufig Diskrepanzen zwischen der "offiziellen" und den vielen individuellen Versionen eines Ereignisses, fällt die Diskreditierung, gerade aufgrund der hierdurch schnell transparenter werdenden neo-feudalen Gesellschaftsstruktur, immer öfter auf die "offizielle" Version der Machtelite zurück. Den unkontrollierten individuellen Zeugnissen und Quellen eines Ereignisses wird demgegnüber kein anderes Kalkül als die Diskreditierung der Machtelite selbst unterstellt. Diese Behauptung oder sogar Beschuldigung bringt die Medienwelt und die Politikerriege in Vertretung ihrer Auftraggeber in Form des berüchtigten Verschwörungstheorie-Vorwurfs vor - gepaart mit der gespielten Ignoranz, mit der sie Angriffe auf ihre Integrität in den Augen des noch vollständig kontrollierten, konformen Teils der Massenmedienkonsumenten immer zu entwerten versucht .

Natürlich wird das angegriffene Realitätsmonopol der Elite mit allen Mitteln verteidigt. Sogar alte Gewohnheiten aus dem späten Mittelalter zerrt man in die Gegenwart. Vertreter des Wahrnehmungsmonopols - zB Herr Joffe in der Zeit, logischerweise nur in der Printausgabe, oder auch der Spiegel - reklamieren das gedruckte Wort nun als alleinig autorisierten Wahrheitsträger wie in der gutenbergschen ersten Medienrevolution der Klerus im Scriptorium das gemalte Buch - dies natürlich ungeachtet des Volksmundes: "lügen wie gedruckt", der traditionelle Erfahrung mit der "Wahrheit" bekundet. Dass man also die Vertreter der neuen Medienkulturrevolution komplett zu disqualifizieren sucht, versteht sich von selbst, droht den etablierten Medien doch die eigene Bedeutung und Existenzberechtigung in der Erneuerung der Medienwelt abzubröckeln und die eigene "Integrität" der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden.

Die globale Eigentümer- bzw Machtelite betreibt aber nicht nur so, sondern auch vertreten durch ihre anderen Dienstleistungsringe Politik, Legislative und Militär entsprechend der besagten historischen Bücher- und Druckverbote massive Einschränkungen der neuen Öffentlichkeit und deren damit verbundenen Einfluss auf die Wahrnehmung der Realität.

Zum UN-Weltgipfel 2005 stellte man sich gar die ultimative Frage : Wem gehört das Internet ? Bei diplomatischem Schweigen von Seiten Russlands und Chinas wurde verkrampft um die Antwort gerungen. Eine Initiative der EU plädierte für eine Verwaltung der 13 sogenannten Root-Server (10 in den USA, 2 in Europa und einer in China), die die Basisverbindungen über TLDs ( .de, .us, .fr etc.) steuern, durch ein internationales Gremium der UN, denn es handele sich ja immerhin um ein globales Netzwerk. Die finale Resolution indes wurde von den USA als erfolgreiche Verteidigung ihrer historischen Rolle als Kontrolleur des Internets und eine Stärkung des amerikanischen Präsidenten bilanziert. Die US-Amerikaner als Initiatoren des Internet hatten dieses zwar über die Delegierung an die ICCAN quasi privatisiert, aber doch als zuständiges Handelsministerium noch das letzte Wort bezüglich neuer TLDs und der Gültigkeit von TLDs ( - können zB ".de" Sites aufgerufen werden oder ist die TLD ".de" abgestellt ). Das Beharren der USA auf dem Status quo wurde mit einer befürchteten Verschlechterung des Internets begründet, da multilaterale Verwaltung zu Bürokratismus neige, Staaten wie Iran, China oder Kuba zu grossen Einfluss bekommen und politische Meinungen unterdrücken könnten und insgesamt der Kontrolle des Net zu grosse Bedeutung in Hinsicht auf Demokratie, Heimatschutz, Handel und Urheberrechte und deren Schutz eingeräumt werden müsse, als dass man es in einer internationalen Gemeinschaft unilateralen Bemühungen einzelner Staaten aussetzen dürfe!

In der EU selbst wird jetzt, im September 2008, über verschärfte Maßnahmen zu Kontrolle des Net im sogenannten "Telecom Packet" beschlossen werden. Das Copyright, der Jugendschutz und verfassungsfeindliche Inhalte müssen als Steigbügel für eine Gesetzesinitiative herhalten, in der es vornehmlich um verstärkte Kontrolle des Surfverhaltens aller Internauten durch die Internet Service Provider (ISP) geht, um weitere Aufhebung des persönlichen Datenschutzes und der Anonymität, die gegenläufigen Bemühungen des europäischen Gerichtshofs widersprechen, und um die Möglichkeit von Ausschlussmaßnahmen gegen Nutzer ohne juristisches Verfahren (!) nach dreimaligem Verstoss gegen Copyrightgesetze durch Erhebung entsprechender Kontrolldaten durch die ISPs . Eine Gesetzeserweiterung zur Kontrolle von nicht nur verfassungsfeindlichen Inhalten direkt, sondern auch von Programmen, mit denen solche Inhalte möglicherweise bereitgestellt werden können ( zB Webbrowser) ist auch Teil des Pakets und öffnet jeder Art von Zensur Tür und Tor ... von der Datenvorratsspeicherung - im Februar 2008 verabschiedet - gar nicht zu reden.

Im Hinblick auf die Zukunft ist ein Internet 2 mit fernsehähnlichen Kontrollmechanismen, in dem nur noch Inhalte nach vorheriger Prüfung von "offizieller" Stelle legal sein werden, wahrscheinlich angestrebtes Ziel. Hier sollen wir alle mal wieder so sehr vor uns selbst geschützt werden, dass wir bald nicht mehr wissen werden, wer wir eigentlich sind.

"Full Spectrum Dominance" heisst dann auch ein Plan des Pentagon zur totalen Kontrolle - auch des Internets. Das ursprünglich geheime militärische Maßnahmenpaket "Information Operation Roadmap" zur elektronischen Kriegsführung, für das Donald Rumsfeld 2003 persönlich verantwortlich zeichnete, wurde nun nach öffentlicher Anfrage aufgrund des "Freedom of Information Act" mit einigen Schwärzungen öffentlich. "We must fight the net..." ... und zwar so, als handele es sich um ein feindliches Waffensystem ... scheint darin die ultimative Kernaussage zu sein. Dies meint nicht nur die angestrebte Kontrolle der Inhalte und mit Inhalten, sondern auch den militärischen Anspruch möglichst jedes Telefon, jeden vernetzten Computer und jede Radaranlage der Welt ausschalten zu können, denn "Die [feindlichen] Netze wachsen schneller, als wir unsere verteidigen können ... Die Angriffe werden immer raffinierter ... Die Vorfälle häufen sich."

Allerdings, denn hat nicht die US Regierung gerade sämtliche Verbindungsprotokolle von Google angefordert ? Mussten nicht im Februar 2008 Millionen Nutzer im Nahen Osten, in Saudi Arabien und Indien einige Tage ohne Internet auskommen, da gleichzeitig an unterschiedlichsten Orten 6 der zuständigen Seekabel offensichtlich gekappt worden waren. Und man erinnere sich: am 5. und 6. September 2001 durchsuchte eine 80 Mann starke Antiterroreinheit die Büros der texanischen InfoCom Corporation. 500 Web-Seiten arabischer und muslimischer Herkunft wurden vom FBI vom Net genommen, darunter al-Jazeera, al-Sharq, und Birzeit.

Unter Zuhilfenahme des Bürgerrechte aufhebenden Patriot Acts werden bei Pro-Demokratie-Demonstrationen in den USA nicht nur bekannte Journalisten der alternativen Medien verhaftet, wie am 01.09.2008 vor dem Parteitag der Republikaner in St. Paul Minnesota geschehen, sondern auch Hunderte von Demonstranten. Dort wurden Pfefferspray, Gummigeschosse, Schockgranaten und massive Gewalt von der Polizei eingesetzt. Kennen wir das nicht? Während die Demonstranten den Verhaftungen tatenlos zusehen mussten, skandierten sie ein mittlerweile zensurgefährdetes Wort, das vor dem 2. Weltkrieg eine verbreitete politische Strömung bezeichnete, die heute verboten ist.

Und warnte GW Bush nicht sogar schon persönlich alle diejenigen, die sogenannte "Verschwörungstheorien" auf dem Web verbreiten? Hat er die alternativen Medien so nicht längst zur Quelle des Terrorismus erklärt, demokratische Bürgerrechte als Gefahr für die Freiheit bezeichnet ? Und erwidern wir nicht ihm und seinen politischen Freunden mit Recht, wessen Freiheit sie auf diese Weise zu verteidigen gedenken und fragen sie:"Wollt ihr die totale Kontrolle ? Wollt ihr sie noch totaler als jemals zuvor?" Wir warten. Meldet der Browser: "Der Server konnte nicht gefunden werden"? Und hier ist die Antwort: Ihr wollt sie, die totale Kontrolle, aber Ihr habt sie noch nicht.

Anhand dieser wenigen Beispiele eines ausufernden Kampfes gegen das freie und weitgehend unkontrollierte Internet lässt sich ermessen, dass auch die Eigentümer- und Führungseliten das Potential dieser Medienrevolution zu erkennen beginnen und vor nichts zurückschrecken, um ihr Monopol auf Wahrnehmung der Realität zu verteidigen.

Noch befindet sich die mediale Wandlung des Westens in einer fruchtbaren Periode, die eine Chance beinhaltet, wie sie mir einzigartig erscheint, um ein orwellsches Welttheater in naher Zukunft zu verhindern, in dem uns der individuelle Austausch von kritischer Wahrnehmung nicht mehr gestattet sein wird und wir und unsere Kinder im schlechtesten Fall als blindes, nicht denkendes Kanonenfutter aufeinandergehetzt werden.

Eine entscheidende Rolle bezüglich dieser Chance und der implizierten Frage auf welche Seite die "Realität" fallen wird spielt mit Sicherheit die Wahrnehmung des initialen Höllenszenarios 9/11 als fingierter Casus belli und als terroristischer Anschlag. In der Anzeige des FBI wird Osama Bin Laden mangels Evidenz nicht der Angriffe am 11. September 2001 beschuldigt ! Andere Quellen wissen gar, dass Bin Laden schon lange tot ist. Will man das wirklich wissen? Woher kommt all das Unbehagen, die Dissonanz des öffentlichen Dafürhaltens mit der offiziellen Version der "Realitaet"? Können wir uns noch weiter in unserer Meisterschaft der Selbsttäuschung ertragen? Gibt es nicht jetzt das Internet als urdemokratische, nicht institutionalisierte Mitsprachemöglichkeit? Wird die gesellschaftliche "Realität" nicht aus der Wahrnehmung eines jeden Einzelnen geboren, bildet sich im öffentlichen Diskurs über "Fakten", Quellen und vielfältige Interessen, richtet sich aus an einem so entstehenden gesellschaftlichen Willen, wird also allein erschaffen von der Mehrheit - von uns allen?

euer iDog
....und Freunde