Leserartikel-Blog

Das Dilemma der Menschheit

Paradigmen der menschlichen Zivilisation

Die Menschheit hat drei Katastrofen zur Auswahl :
Erstens Wachstum : Das zerstört das menschliche Biotop, alles soziale Kapital alle Menschen und höheren Lebewesen.
Zweitens Stagnation und Schrumpfung : Sie verursachen viele Tote, zerstören die nationalen Sozialkapitalien, bewahren aber evtl. das menschliche Biotop.
Drittens Krieg : Er verursacht weniger Tote als Wachstum und Schrumpfung, bewahrt hochgradig das soziale Kapital der Nationen und erhält mit hoher Wahrscheinlichkeit das menschliche Biotop.

Alle Zivilisationen, ohne Ausnahme, von den "Sammler und Jäger"- bis zu höchstentwickelten Wachtumszivilisationen, benötigen zu ihrer Existenz ein auskömmliches Verhältnis zwischen verwendetem Kapital/Ressourcen und Anzahl ihrer Mitglieder. Die Sicherung dieser Auskömmlichkeit, zur Vermeidung von Mangel, unter unausweichlichen Schwankungen von Kapital und Mitgliederzahl geschieht durch Effizienzsteigerung und Überflußproduktion. All das hat eine Zivilisation zu gewährleisten unter immerwährender Konkurrenz zu anderen Zivilisationen. Eine Zivilisation, die in diesem Sinne strebt und handelt, nennt sich Nation, ihre Mitglieder in ihrer Gesamtheit Volk und ihre Führungsstruktur Staat.

Zivilisationen gibt es in zwei unterscheidbaren Ausprägungen. Die eine verwendet nur Ressourcen, die die Sonne in 1 - 100 Vegetationsperioden regeneriert, die andere verwendet darüberhinaus weitere Ressourcen, die nicht-regenerierbaren. Erstere befindet sich im Gleichgewicht mit der Natur, Letztere sei im folgendem Hochzivilisation genannt, und betreibt unvermeidlich Wachstumswirtschaft. Der Anteil der regenerierbaren Ressourcen am Gesamtverbrauch beträgt in modernen OECD-Hochzivilisationen, Wachstumszivilisationen, irgendwo zwischen 0,5 und 10 Prozent.

Eine Zivilisation, die auf Basis nicht-regenerierbarer Ressourcen wirtschaftet und mit ihrer Bevölkerung die Anzahl überschritten hat, die ihr ein leben im Gleichgewicht mit der Natur erlauben würde, kann Wirtschaftswachstum nicht mehr vermeiden, ohne daß Menschen verarmen oder, schlimmer, abtreten müßten. Das liegt an der Ressourcennutzung selbst. Denn die Ressourcen bestehen aus genau zwei Teilen, erstens Ressourcen, die zur Gewinnung der Ressourcen selbst benötigt werden, ihrem Selbstzweckanteil, zweitens Ressourcen, die für die eigentlichen Verwendungszwecke der Ressourcen benötigt werden, ihrem Nutzzweckanteil. Die Beendigung des Wirtschaftswachstums würde das Wachstum der Ressourcengewinnung beenden. Da aber der Selbstzweckanteil dabei trotzdem unaufhaltsam zunimmt, müßte der Nutzzweckanteil in gleichem Umfang abnehmen. Der Nutzzweckanteil ist aber der Anteil, der Unseren Wohlstand ausmacht, und der überhaupt die hohen Bevölkerungsdichten über der Gleichgewichtsdichte erlaubt. Ohne die Nutzung nicht-regenerierbarer Ressourcen, also im Gleichgewicht mit der Natur, könnten auf deutschem Boden dauerhaft höchstens 10 Mio. Menschen leben. Das Leben aller weiteren 80 Mio. wird erst nur durch den Nutzzweckanteil der gewonnenen nicht-regenerierbaren Ressourcen gewährleistet.

Rechenbeispiel 1 : Läge der Selbstzweckanteil bei 33,3 % und betrüge das Wachstum des Aufwandes zur Ressourcengewinnung 3 %, dann wüchse bei Nullwachstum der Gesamtressourcen der Selbstzweckanteil auf 34,3 % und der Nutzzweckanteil schrumpfte auf 65,6 %, hätte also um 1,5 % abgenommen. Zur Beibehaltung des Nutzzweckanteiles, also des Wohlstandes, hätte die gesamte Ressourcenproduktion um rd. 1,5 % zunehmen müssen und würde dann bei rd. 101,5 % der Vorperiode liegen.

Rechenbeispiel 2 : Läge der Selbstzweckanteil bei 66,6 % und betrüge das Wachstum des Aufwandes zur Ressourcengewinnung 3 %, dann wüchse bei Nullwachstum der Gesamtressourcen der Selbstzweckanteil auf 68,6 % und der Nutzzweckanteil schrumpfte auf 31,3 %, hätte also um 6 % abgenommen. Zur Beibehaltung des Nutzzweckanteiles, also des Wohlstandes, hätte die gesamte Ressourcenproduktion um rd. 6 % zunehmen müssen und würde dann bei rd. 106 % der Vorperiode liegen.

Um sein eigenes Biotop, sein Territorium, vor Zerstörung zu bewahren, kann eine Nation für sich allein Wachstum nicht vermeiden. Der damit einhergehende Machtverlust machte diese Nation zu einem Übernahme-Kandidaten der weiterwachsenden und -gewachsenen Nationen und erhielte von jenen dann die Zustände und Bedingungen aufgedrückt, die sie ursprünglich vermeiden wollte. Was das bedeutet, haben bisher Indianer, Palästinenser und sicherlich noch verschiedene andere Völker durchgemacht. Heute würde man die so schwächelnde Nation evtl. als Atommülldeponie nutzen.

Wachstumsbeendigung global ist überaus unangenehm, führt zum Abtreten von Menschen, Sterben, früher auch Auswanderung, das dazu noch beschleunigend, und läßt sich in den hochentwickelten Wachstumszivilisationen intern nicht beherrschen und steuern, bewahrt aber evtl. das menschliche Biotop weltweit vor seiner Zerstörung.

Auf der anderen Seite führt Wachstum in einem beschränkten System zu seiner sicheren Zerstörung. In diesem Falle wäre das System das menschliche Biotop. Deshalb ist Wachstum auf Dauer tatsächlich keine Lösung. Im Gegenteil, es wäre der sichere Untergang der Menschheit und aller höheren Lebewesen in der Art der Osterinseln.

Zur Verhinderung des Untergangs durch Wachstum, als auch zur Vermeidung von Verarmung und Chaos durch Schrumpfung hat die menschliche Spezies den Krieg "erfunden". Und Krieg löst die Probleme schneller und mit weniger Toten und damit menschlicher, als wenn man die Staaten in sich zusammenbrechen ließe, wie die Beispiele der Grausamkeit im jugoslawischen Bürgerkrieg zeigten.
Dies darf aber nicht als Rechtfertigung der amerikanischen Mord- und Totschlagskriege aufgefaßt werden. Kriege haben sich an den zivilisatorischen Problemen zu orientieren und den Soldaten im Krieg als Mensch zu respektieren, um das Abgleiten in abartige Barbarei zu verhindern. Diese Forderungen sind durch die amerikanische Kriegsführung weltweit nicht erfüllt.

Und bis zum 6. August 1945 funktionierte das.

In Europa hatte sich zu diesem Zweck eine hochwertige Kriegskultur entwickelt, die den Krieg als Konflikt zwischen Nationen verstand, jenseits von Gut und Böse, jenseits des Unsinns vom "gerechten" Krieg, und dabei sogar während des Krieges ohne Haß zwischen den beteiligten Menschen, den Soldaten, auskam. Im Kampf schoß man sich nach Möglichkeit tot, nach Beendigung des Kampfes respektierte man sich wieder als Mensch, und jeder im Kampf konnte sich i. A. auf diese Geisteshaltung beim Gegner verlassen, wenn er die weiße Fahne zur Kapitulation hob.

Der "gerechte" Krieg war nach den schauerlichen Erfahrungen des 30-jährigen Krieges von den europäischen Nationen gemeinsam entsorgt worden, da er die Soldaten der jeweiligen Verlierernation zu Verbrechern stempelte und sie grenzenlosem Haß überantwortete. Stattdessen beendete man Kriege in der Folgezeit mit der Vereinbarung von Reparationen des Verlierers an den Sieger ohne Schuldzuweisung, und wischte damit alle weitergehenden Ansprüche gemeinsam vom Tisch. Mit Unterzeichnung eines Friedensvertrages wurde ein früherer Zeitabschnitt abgeschlossen und neuer Zustand festgeschrieben und damit waren die Karten für einen neuen Frieden gemischt ohne weitere unkalkulierbare Belastungen aus der Vergangenheit. Der Hass als Kriegsmittel verlor an Bedeutung.

Mit dem Auftauchen der Amerikaner auf den internationalen Kriegsschauplätzen wurde die Primitivform des "gerechten" Krieges restauriert mit der Folge, daß z. B. Deutschland die alleinige Kriegsschuld am 1. Weltkrieg zugeschoben wurde und darüber hinaus heute die Taliban-Soldaten wie Schwerstverbrecher behandelt werden, mit denen man i. a. kurzen Prozess macht, und allgemein der Mord- und Totschlagskrieg die hochwertige und humane Kriegskultur des alten Europa durch Barbarei ersetzt. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang auch an das barbarische Gaza-Massaker im Januar.

Aber seit dem 6. August 1945, Hiroshima, ist bei den Großmächten und damit der Menschheit die Option, Krieg gegeneinander, zur Problemlösung verbaut. Ein Atomkrieg zerstört das, worum Menschen in der Vergangenheit Krieg führten.

Erich Paus

PausErich@PausErich.de
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