Leserartikel-Blog

Trivia I: Die Meinung von Henryk M. Broder vor der Arbeit

Es war ein verregneter Morgen, als sich die Meinung von Henryk M. Broder wie jeden Tag für die Arbeit fertig machte. Die Meinung von Henryk M. Broder mochte den Regen, denn sonnenreiche Tage konnte schließlich jeder mögen. Warum sie den Regen mochte, könnte sie auf Anhieb nicht erklären, aber ihr würden bestimmt aus dem Stehgreif sechstausend Argumente einfallen, warum die Mehrheit der Deutschen schlichtweg falsch liegt, wenn sie sich über sonnenreiche Tage freut. Schließlich seien nachweislich bei hundert Prozent aller Hautkrebspatienten in der Bundesrepublik vorhergegangener Kontakt mit UV-Strahlen feststellbar. Hundert Prozent, das muss man sich mal vorstellen. Die Meinung von Henryk M. Broder hasste also vielmehr sonnenreiche Tage, als dass sie den Regen mochte. Und die grenzenlose Naivität, mit der sich dieses hilflose Volk verstrahlter Autisten von der Sonne hinters Licht führen ließ, wühlte sie innerlich so sehr auf, dass sie sich für einen kurzen Moment hinsetzen musste.
Im Radio lief der Wetterbericht: „In und um Berlin wird es voraussichtlich den ganz Tag über regnen, die Temperaturen liegen tagsüber bei achtzehn bis zwanzig Grad“. „Dreiunddreißig Grad!“ schrie die Meinung von Henryk M. Broder laut auf und erhob sich dabei. Sie schaute sich im Zimmer um, aber niemand war da, der auf den erschrockenen Ausruf reagieren konnte. Also ging sie zum Fenster auf der Straßenseite, öffnete es und schrie erneut: „Dreiunddreißig Grad im Schatten! Geht nach Hause, sonst holt euch der Hitzeschock!“ Der Regen fiel durch das geöffnete Fenster direkt auf den davor stehenden Schreibtisch und auf die darauf ausgebreiteten Bücher und Manuskripte der Meinung von Henryk M. Broder. Besonders die Bücher waren sehr wertvoll, viele hochangesehene Meinungen hatten sich darin verewigt. Das Regenwasser bildete kleine Pfützen auf den Seiten und ließ die Tinte verlaufen. An manchen Stellen war kein Buchstabe mehr zu erkennen, an anderen ließen sich mit ein wenig Fantasie ganz neue Inhalte erahnen. Aber das machte nichts, Deutschland musste gewarnt werden. Der Tisch war ein alter, schöner Tisch aus Eichenholz. Die schützende Lackierung war schon längst abgewetzt, schließlich war die Meinung von Henryk M. Broder ein sehr fleißiger Autor, und so drang das Regenwasser schnell in das Holz des Tisches ein und ließ es aufquellen, bis sich schließlich tiefe Risse bildeten. Aber das machte nichts, Deutschland musste gewarnt werden.
Eine andere Meinung blieb auf der Straße stehen und blickte fragend nach oben. Die Meinung von Henryk M. Broder freute sich über die Aufmerksamkeit. Selbstzufrieden nickte sie kurz und schloss dann das Fenster. Die Meinung auf der Straße stand im Regen und schien sehr irritiert über ihr Verhalten zu sein, aber das interessierte die Meinung von Henryk M. Broder nicht. Sie hatte einmal mehr gesagt, was gesagt werden musste, was sich sonst niemand traute und nur darauf kam es an. Die Meinung von Henryk M. Broder erschien immer sehr gradlinig in dem was sie tat. Sie hatte vor nichts und niemandem Angst! Mit ihrer spitzen Zunge und ihrem listigen Humor wusste sie viele andere Meinungen zu betören. Es wurde nie langweilig mit ihr. Sie war einfach die Art von Meinung, die man nicht als Freund bezeichnen würde, mit der man aber trotzdem gerne einen trinken ging. Und dann verzieh man ihr auch, wenn sie mal wieder ein bisschen zu laut wurde oder anderen Meinungen im Streit die Existenzberechtigung absprach. Denn so ganz unrecht hatte sie eigentlich nie. Sie wusste einfach, wie sie sich zu verkaufen hatte, indem sie sich nämlich konsequent von der Masse abhob, indem sie auffiel. Wie sie das tat, war zweitrangig. Dafür war sie auch bereit Opfer zu bringen. Die Mehrheit war stets ihr größter Feind, so viel stand fest. Und so ließ die Meinung von Henryk M. Broder auch heute wieder den Regenschirm in der Ecke stehen und holte stattdessen die Sonnencreme aus dem Badezimmerschrank.