Leserartikel-Blog

10 Jahre Littleton: Zeitenwende 20. April 1999

Als am 20. April 1999 die Meldungen über eine Schulschießerei in den USA in den Nachrichten kamen, habe ich ihnen nicht viel Beachtung geschenkt. Eine Sache, wie sie immer wieder vorkommt, doch weit weg. Die wirkliche Bedeutung erfuhr ich erst später, bei der Lektüre eines großen Nachrichtenmagazins, wo die Schlagzeile sinngemäß lautete: "Zwei verlachte Außenseiter richteten an ihrer Schule ein Blutbad an". Es wurde von der Außenseiterrolle, gemutmaßten (aber tatsächlich nicht gegebenen) Zugehörigkeit zur "Trenchcoat Mafia" berichtet und davon, dass sie bevorzugt auf populäre Schulathleten schossen. Damit war das Ereignis keine Wahnsinnstat und keine Allerwelts-Schießerei mehr, sondern rührte an grundlegende Empfindungen. Während man sonst die Namen von Attentätern und Todesschützen schnell vergaß, brannten sich diese ins Gedächtnis der Menschen ein: Eric Harris und Dylan Klebold.

Bis zum 20. April 1999 waren die Rollen klar: es gab an Schulen populäre Leute und Außenseiter, letztlich solche, die alle Arten von Erniedrigungen und Gewalt hinzunehmen hatten und denen weder Lehrer, Mitschüler noch Polizei halfen. Sie konnten sich entscheiden, entweder ein elendes Leben weiter zu führen, in Drogen zu flüchten oder irgendwann vor den Zug zu springen oder auf andere Weise ihr unerträgliches Leben zu beenden. Diejenigen, die sie vorher dazu getrieben hatten, sei es mit Gewalt, mit höhnischem Lachen, mit Herumschubsen oder gezielter Missachtung, konnten sich dagegen ein gutes Leben auf ihre Kosten machen und quittierten die gelegentlichen Freitode ihrer Opfer mit höhnischem Gelächter und hämischen Bemerkungen. Klassengemeinschaften und Cliquen hielten sich dadurch zusammen, dass sie auf Außenseitern herum hackten.

Und dazu kamen die Erwartungen und Anforderungen, welche ihre Umwelt stellte, damit sie ein einiger Maßen gutes Leben führen konnten, die Anforderungen für Schulabschluss, Studium und Beruf. Wer sie nicht erfüllen konnte, musste sich auch mit einem elenden Leben abfinden.

Am 20. April 1999 wurde in einer gutbürgerlichen Vorstadt von Denver, in den Rocky Mountains, diese brutale Ordnung ebenso brutal gestört. Mit Bomben, Gewehrsalven und letztlich 15 Toten. Und damit ein Signal gesetzt, dass die alte Ordnung nicht mehr unbedingt war, dass man es seinen Feinden heimzahlen konnte, wenn man schon selbst gehen musste. Die Zeit, da Außenseiter sich mit ihrem Schicksal abzufinden hatten, war zu Ende.

Es gab viele Diskussionen und viele gute Gründe gegen eine pauschale Entschuldigung, Rechtfertigung oder gar Verherrlichung der Tat. Verbrechensforscher führten an, dass vor allem Eric Harris mit der Tat nur berühmt werden und aus einer abstrusen Überwertigkeitsidee heraus die degenerierte Menschheit strafen wollte, anstatt sich für Erniedrigungen zu rächen. Doch die Dokumente der Täter ließen den Schluss auf einen nicht näher begründeten Hass zu, den auch ein Außenseiter verstehen konnte. Das Subkulturelle, von der Norm abweichende und sich gegen die schöne Fassade mit den Spießern und Mobbern dahinter Richtende war der Kristallisationspunkt für jene, die Gründe hatten, mit einer verhassten Umwelt eine Rechnung zu begleichen.

Berichte zeigten die Hackordnungen an der Columbine High School auf, was nicht immer zu vernünftigen Konsequenzen führte: Ein Schüler namens Evan Todd gab gegenüber dem "Time Magazine" im Leitartikel "The Columbine Tapes" an, dass Columbine ein sauberer, guter Ort für alle außer diese Außenseiter war, dass sie sie auch geärgert hätten und dass man normalerweise jemanden ärgert, wenn man ihn los werden will. Das ganze garnierte er mit der Behauptung, die Außenseiter seien ein Haufen Homos gewesen, die sich gegenseitig begrabschten, sie hätten Hexerei und Voodoo praktiziert. Was solle man auch sonst mit Leuten anfangen, die mit komischen Frisuren und Hörnern an den Hüten in die Schule kommen? Und genau dieser Schüler aus Littleton kreuzte drei Jahre später auch bei den Gedenkfeiern in Erfurt auf! Webseiten zeigen ihn in Pfadfinderuniform und bezeichnen ihn als "Helden". Und andere feierten da eben die Attentäter als Helden.

Ein schwergewichtiger Footballspieler, der auf den Außenseitern seiner Schule herumhackt, mag in Schulen, wo Sport Zentrum der Corporate Identity ist, seine Fans haben. Jene, die dagegen zur Waffe greifen, aber auch, und so kam es dann auch zu den Fancommunities, -Videos und Foren im Internet.

Legenden um das Columbine-Massaker gibt es viele. Eine ist die einer Schülerin, die angeblich in der Bibel las und auf die Frage, ob sie an Gott glaube, mit "Ja" antwortete und erschossen wurde - was mit Hilfe der Tonmitschnitte und Videoaufnahmen widerlegt wurde. Eine andere Legende war, die Attentäter seien Nazis gewesen und hätten das Massaker zu Hitlers Geburtstag durchgeführt. Tatsächlich haben sie sich nur etwas für deutsche Bands wie Rammstein und KMFDM begeistert, etwas Deutsch gesprochen und, nach einigen Berichten, provoziert; als Tag für das Massaker war aber eigentlich der 19. April, Jahrestag des Bombenanschlags von Oklahoma, geplant. Sie waren in keine Neonazi-Organisation eingebunden und zeigten auch in ihren Niederschriften keine typische Nazi-/KKK-/White-Supremacy-Haltung. Die Vermutung, sie hätten gezielt auf Athleten gechossen, wurde durch einen Ausruf von Dylan Klebold verursacht, aber Eric Harris hatte viele seiner Spitznamen vom Footballteam der Schule, den "Rebels" abgeleitet. Computerspiele hatten sie in der Tat gespielt, vor allem wohl das 1999 schon reichlich veraltete "Doom 2" - so, wie Millionen andere Jugendliche auch. Und genau so, wie sie wohl am Morgen vor der Tat Brot gegessen haben.

Und zu diesen Legenden gehört eben auch jene von den modernen Robin Hoods, die gegen das Terrorregime der populären Schüler rebellierten. Wer würde glauben, das Robin Hood vielleicht in Wirklichkeit nur ein gewöhnlicher Bandit war, der sich mit einem Teil der Beute Unterstützung im Volk erkaufte? Nein, man will die Legende, die Geschichte von dem Kämpfer, der Gerechtigkeit über die formale Rechtmäßigkeit stellt! Genau diese Robin Hood-Legende lässt viele Fans auch über die wenig gerechten Aspekte der Tat hinweg sehen.

Mochte man es anfangs als bloße Faszination einiger verquerer Leute sehen, so wurde bald klar, dass die Tat auch andere animieren würde, es ebenso zu tun. Mehrere kleinere Schießereien in den USA, der kleinere Amoklauf des Martin Peyerl in Bad Reichenhall 1999, dann Erfurt in Deutschland, was das "Ergebnis" von Littleton noch übertraf. Die bisher höchste Opferzahl gab es an der Virginia Tech in Blacksburg durch den Studenten Cho Seung Hui, der über die reichen Schnösel an seiner Uni frustriert war. In Finnland, Kanada und anderen Ländern wurden ähnliche Taten verübt, bei denen sich die Täter teils auf die Columbine-Attentäter beriefen, für Deutschland stellt Winnenden den vorläufigen Schlusspunkt dar. Wie Robin Hood waren auch Eric Harris und Dylan Klebold zu internationalen Figuren des Geschehens geworden, Idole für einen Teil jener, denen Popstars, Sportler und Politiker ein Gräuel und keine Vorbilder waren.

Eric Harris stammte aus einer Militärfamilie, wollte zu den US-Marines gehen, die ihn aber ablehnten, weil er ein Psychopharmakum genommen hatte. Wäre das anders gelaufen, hätte er vielleicht dasselbe, was er so an seiner Schule getan hat, in Afghanistan oder im Irak getan und wäre offiziell als Held gefeiert worden. So wurde er für die große Mehrheit zum Massenmörder, für eine Minderheit aber zum Helden.

Die Legende von Littleton wird so schnell nicht verschwinden, sie rührt zu sehr an den Gefühlen zu vieler Menschen. Da können sie noch so sehr versuchen, die Vermächtnisse anderer Attentäter zu zensieren und unter der Decke zu halten, so, wie nach Emsdetten Personen massiv eingeschüchtert wurden, die den Abschiedsbrief von Sebastian Bosse veröffentlicht hatten. Vielleicht werden die letzten Nachahmungstaten um 2070, 2080 herum in Altenheimen statt finden, wahrscheinlicher ist aber, dass die Legende bestehen bleibt. Die Geschichte der "school shootings" wird auch mit Winnenden nicht zu Ende sein. Gar nichts wird die Zensur von Filmen oder Computerspielen bringen, im Gegenteil, solcher Konformitätsdruck schürt noch Wut und Verzweiflung, genau so wie die Bemühungen, Außenseiter und sonderliche Schüler schon vorher intensiv zu kontrollieren und auszusortieren. Was einige Familien von Winnedener Opfern in einem Haufen Verbots- und Zensurforderungen zusanmmen gefasst hatten, ist ein autoritärer Staat, der am Ende schlimmer ist als "school shootings".

Man muss bedenken: Es gibt jedes Jahr in Deutschland rund 10000 bis 12000 Selbstmorde, wie viele davon durch unerfüllbare Anforderungen ihrer Umwelt, Mobbing oder andere böswillige Handlungen, etwa materieller Schädigung, verursacht wurden, ist nicht klar, aber es dürften Hunderte, wenn nicht Tausende sein. "School shootings" forderten dagegen nur einige Dutzend Tote über viele Jahre hinweg. Natürlich ist auch letzteres tragisch für die Opfer, und vor allem ist es immer ein spektakuläres Medienthema, weit mehr als andere Morde oder Suizide. Aber auch, wenn es Tote gibt, sollte man unterscheiden: sterben die Opfer von Mobbing und Fertigmachen, während sich die Täter ein gutes Leben machen, werden völlig unbeteiligte Menschen von Amokläufern getötet, oder sind es die Täter, die Leute zu Verzweiflungstaten treiben, und die dann selbst mit Kugeln im Kopf enden. Auch das ist ein moralisch-qualitativer Unterschied.

Man kann jetzt darüber streiten, ob Eric Harris und Dylan Klebold gemeine Mörder waren, die durch Ermordung Unschuldiger berühmt werden wollten, oder ob sie es jenen heimgezahlt haben, die ihnen zuvor die Hölle heiß gemacht haben. Sie haben für die Außenseiter dieser Welt eine Zeitenwende herbei geführt, deren 10. Jahrestag heute ist. Und sie haben eine Legende geschaffen, die die Welt noch einige Zeit begleiten dürfte, wie auch immer man zu ihr steht.

Deshalb, ohne die Tat verherrlichen oder zur Nachahmung ermutigen zu wollen:

R.i.P. Reb and VoDKa!