Leserartikel-Blog

Die Geschichte der Deutschen in Rußland

Die Geschichte der Deutschen in RußlandWichtiger Hinweis Der Text dieses Referates ist fast ausnahmslos dem Taschenbuch „Die Deutschen in Rußland und in der Sowjetunion" von Herrn Dr. Alfred Eisfeld entnommen, allerdings in stark gekürzter Form. Das Buch ist im März 1986 in den Eckartschriften Heft 97 erschienen und wurde durch die Österreichische Landsmannschaft verlegt (vergleiche das Quellenverzeichnis auf der letzten Seite). Der Referent kann jedem Interessierten die Lektüre dieses großartigen Werks empfehlen. Der Verfasser Dr. Alfred Eisfeld wurde 1951 in der Holzbaracke einer Sondersiedlung der Udmurtischen ASSR in der Sowjetunion geboren. Seine Eltern, beide Deutsche aus der Ukraine, kamen während des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland und wurden nach Kriegsende in die Sowjetunion „repatriiert". Nach der Entlassung aus der Sondersiedlung siedelte die Familie nach Kasachstan um. Hier besuchte der Verfasser in den Jahren 1958 bis 1968 die Mittelschule und bekam erste Kenntnis von der deutschen Autonomiebewegung. Die multinationale Bevölkerung in Kasachstan, zu der deportierte Deutsche und Tschetschenen ebenso gehörten wie Flüchtlinge und Umsiedler aus Griechenland und China, weckten schon früh sein Interesse für Geographie und Geschichte. Nach einem Jahr Studium an der Universität zu Riga, zwei Jahren Militärdienst und anschließender Arbeit in einem Steinbruch kam er 1973, zusammen mit seiner Familie, als Spätaussiedler in die Bundesrepublik Deutschland. Das Studium der Geschichte Ost- und Südosteuropas, der Politischen und Zeitungswissenschaften an den Universitäten zu Bonn und München schloß er 1973 mit der Promotion zum Dr. Phil. mit der Arbeit „Deutsche Kolonien an der Wolga 1917 bis 1919 und das Deutsche Reich“ ab. Gegenwärtig ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Osteuropa-Instituts. Geschichte und Kultur der Rußlandsdeutschen Die ersten Kontakte der Deutschen mit dem Reich der Russen haben schon in der Zeit des Kiewer Staates auf dem Wege der Handelsbeziehungen um Jahre 1200 ihren Anfang genommen. Später bahnten sich Beziehungen zwischen der Hanse und den russischen Städten Pskow, Polotzk und Nowgorod an. In Nowgorod wurde ein Handelskontor eröffnet, dies war die erste dauerhafte Ansiedlung von Deutschen im Reich der Russen. Zur Regierungszeit des Zaren Iwan des Dritten (1462 bis 1505) wurden auch Handwerker, Bergleute und Militärspezialisten aus Deutschland angeworben. Mit Hilfe dieser Spezialisten wurde die russische Armee modernisiert, außerdem wurden diese Leute auch an den Kriegszügen gegen die Tataren Chanate Kasan (1552) und Astrachan (1557) beteiligt. So befehligte der Söldnerführer Jürgen Fahrensbach die Artillerie bei diesen Kriegszügen. Die zahlenmäßig größte Gruppe jedoch dürften die Livländer gewesen sein, die in den Kriegszügen der Russen als Gefangene mitgenommen und in den Städten und Grenzstationen angesiedelt wurden. So entstanden Siedlungen wie die „Nemeckaja Sloboda“ bei Moskau. Aber das waren noch keine Rußlandsdeutschen im engeren Sinne des Wortes, ebensowenig waren es die Ärzte, Baumeister und Handwerker, die der Zar Peter der Große in den Jahren 1689 bis 1725 in das Land geholt hat. Die einen gingen nach Erfüllung der Verträge in ihr Heimatland zurück, die anderen gingen im Russentum auf, ein dritter Teil konnte im Lande bleiben und bewahrte dabei seine Religion und Volkszugehörigkeit: Dies war der Anfang des Stadtdeutschtums in Rußland. Nach dem Tod des Zaren Peter des Großen haben seine Nachfolger die Expansionsversuche in Richtung Westen und Süden weiter fortgesetzt. Die betroffenen Länder waren die Türkei und Polen. Der Hauptverbündete und Rivale zugleich war Österreich, mit dem Rußland 1726 ein Bündnis geschlossen hatte. Der gemeinsam geführte Krieg gegen die Türkei in den Jahren 1735 bis 1739 hatte jedoch einen ganz unterschiedlichen Ausgang für die Bündnispartner, Österreich verlor Nord-Serbien und die Kleine Walachei, Rußland gewann Asow und erreichte so das schwarze Meer. Die Siege bei Otschakov, Chotin und auf der Krim verdeutlichen dabei die Absichten Rußlands. Die Inbesitznahme des Landes brachte große Probleme mit sich. Die Leibeigenschaft verhinderte die Besiedlung des neu gewonnenen Landes mit Bauern, ständige Überfälle der Nomadenvölker machten den neuen Herren viel zu schaffen. Deshalb hat die Zarin Elisabeth am 29 Dezember 1651 den in Österreich dienenden Oberst Horwat beauftragt, im Ausland Regimente von Serben anzuwerben. Es wurden zwei Regimente angeworben, sie bestanden aus Serben, Griechen, Ungarn, Montenegriner, Bulgaren und Walachen. Diese Regimenter wurden an der polnischen Grenze, entlang des Dnepr, angesiedelt. Von nun an nannte man diesen Teil des Gouvernements Ekaterinoslav „Neu-Serbien“. Später wurden diese Regimenter auf 4 erweitert. Jedes davon bestand aus 4000 Wehrbauern. Das Land wurde aber ohne großen Erfolg bearbeitet, da die Bauern sehr viel Zeit für den Grenzdienst ableisten mußten.Die Grenzen verschoben sich mit der Zeit in den Süden. 1764 wurden die Siedlungen in Städte umgewandelt und im Jahre 1783 die Regimente der regulären Armee angegliedert: Damit war das Experiment ohne großen Erfolg beendet. 1762 putschte die Prinzessin Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst gegen Ihren Ehegatten, den Zaren Peter den Dritten. Sie regierte danach von 1762 bis 1796 unter dem Namen Katharina die Zweite. Unter ihrer Regentschaft kam mehr Schwung in die Außenpolitik Rußlands. Eines der innenpolitischen Ziele Katharinas war es, einen wirtschaftlichen Aufschwung des Landes zu erreichen. Es sollten bis dahin brachliegende Steppengebiete erschlossen werden. Für eine Kolonisation hatte Rußland aber keine ausreichenden Menschenmengen, die Bauern waren durch die Leibeigenschaft an ihre Grundherren gebunden. Deshalb richteten sich die Hoffnungen der Zarin Katharina auf Europa. Der erste Aufruf zur Besiedelung Rußlands erging am 4. Dezember 1762. Da er keine Anreize bot, hat er auch keine Einwanderung zur Folge gehabt. Am 22 Juli 1763 startete die Zarin einen neuen Versuch, Leute zur Einwanderung in die Steppengebiete Rußlands zu bewirken. Diesmal wurde eine ganze Reihe Privilegien in Aussicht gestellt. Die wichtigsten davon waren: - Freie Religionsausübung nach Kirchensatzungen und Gebräuchen der Einwanderer - Steuerfreiheit in den Kolonien für 30 Jahre - Bereitstellung der erforderlichen Kreditmittel zur Anschaffung von Baumaterial, Vieh, Ackergerät und anderem. Diese Gelder sollten erst nach zehn Jahren zinsfrei in Raten zurückgezahlt werden.Befreiung vom Militärdienst für ewige Zeiten - Selbstverwaltung in den Kolonien - Freie Fahrt nach Rußland und Tagegeld für die Dauer der Reise und das erste halbe Jahr des Aufenthaltes in Rußland - Und noch viele andere Dinge mehr Diese Einladung zur Einreise nach Rußland wurde durch russische Residenten bei allen europäischen Häfen verbreitet und hatte den gewünschten Erfolg. Besonders aktiv waren die Gesandten in Deutschland. Im Laufe des Siebenjährigen Krieges von 1756 bis 1763 waren viele Landesteile Deutschlands stark zerrüttet, die Einwohner in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit so stark geschwächt, daß Tausende kein Auskommen mehr hatten. Deshalb hatten die Werber im Auftrage der Zarin einen großen Erfolg, besonders in Hessen, in Nordbayern, Nordbaden, der bayerischen Rheinpfalz und anderen Gebieten. Weiterhin wurden kleinere Kontingente Franzosen, Holländer, Schweizer und andere angeworben. Die Reise nach Rußland war alles andere als leicht, und die gegebenen Versprechungen sind schon unterwegs nicht eingehalten worden. Fast zwei Jahre dauerte die Reise der ersten Gruppe, und unterwegs sind schon sehr viele umgekommen. Wie viele Einwanderer im Wolgagebiet mit der ersten Gruppe eintrafen, ist ungewiß: Die Angaben schwanken zwischen 23.000 und 29.000 Personen. Angekommen ist diese erste Gruppe von Deutschen an der Wolga im Juni des Jahres 1767. Nach der Ankunft stellte sich heraus, daß eine ganze Reihe von Versprechungen des Manifestes der Zarin nicht erfüllt waren. So war das Land für die Kolonie noch nicht vermessen, von den versprochenen Häusern und Nebengebäuden stand noch kein einziges, an Baumaterial fehlte es ebenfalls. 1764 waren nur Balken und Bretter für die Einrichtung von 250 Häfen angeliefert worden. Die meisten Ankömmlinge mußten deshalb den ersten Winter in Saratow, in nahegelegenen Dörfern und zum Teil in primitiven Erdlöchern verbringen. Die erste deutsche Kolonie, „Nischnjaja Dobrynka“, wurde am 12. Juni 1764 auf einem Kronsland nördlich der heutigen Stadt Kamyschin gegründet. In den Jahren 1764 bis 1767 folgten auf dem Westufer der Wolga (Bergseite) insgesamt 33 Kolonien und auf dem Ostufer (Wiesenseite) 41 Kolonien, alles ebenfalls auf Kronsländereien. Die neuen Siedlungen hatten bei ihrer Gründung noch keine amtlichen Namen, deshalb nannte man sie meistens nach dem ersten Vorsteher oder Schulzen, z. B. Kraft, Bähr, Pfeifer, Müller, Anton usw. Amtliche Ortsnamen wurden erst im Jahre 1768 vergeben. Verschont blieben nur wenige Orte, die meisten bekamen russische oder tatarische Ortsbezeichnungen. Jede Familie bekam bis zu 30 Desjatin Land, davon 15 für Ackerbau, fünf für Wiesen, 5 für Wald, 1,5 für Gehöft und Garten und 3,5 für die Hutweide. Das Land wurde den Kolonisten zum erblichen Besitz der gesamten Kolonien überlassen. Die Entwicklung der Kolonien an der Wolga verlief in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Gründung weniger günstig, als es die Regierung erwartet hat. Die Behörden hatten es versäumt, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ansiedlung zu schaffen. Diese Unzulänglichkeiten führten dazu, daß die Kolonisten in den ersten Jahren zum großen Teil in Erdlöchern hausen mußten. Viele von ihnen wurden daher krank und starben. Die Erträge waren anfangs sehr mäßig und reichten vielfach nicht für die eigene Ernährung. Die Unzufriedenheit führte dann auch dazu, daß sich ein Teil der Siedler während der Bauernunruhen in den Jahren 1773 und 74 den Scharen Jemilijan Pugatschews anschloß. Wie viele es waren, ist nicht bekannt. Überliefert ist nur, daß nach dem Sieg der Regierungstruppen bei Zarizyn 432 Kolonisten nach Saratow zurückgebracht wurden. Mit der Besiedlung des Wolgagebietes verfolgte die russische Regierung nicht nur wirtschaftliche Ziele. Die neu angelegten Dörfer sollten die inneren Gouvernements vor Raubzügen nomadisierender Kalmücken und Kasachen, die man damals Kirgisen nannte, schützen. Die für die Kolonisation verwendeten Ländereien waren damals das Weideland nomadisierender Viehhirten, die sich erst 1740 scheinbar der russischen Krone unterworfen hatten. Sie fühlten sich durch die Anlage der Kolonien und die Ausweitung des Ackerbaus bedrängt und griffen wiederholt einzelne Siedlungen an. In den Jahren 1771 und 74 wurden 17 Kolonien von Nomaden überfallen. Die Orte Chasselois, Cäsarsfeld, Keller und Leitzinger hatten darunter so schwer gelitten, daß sie nicht wieder aufgebaut wurden. Rund 3000 Siedler sollen bis 1775 bei Überfällen ums Leben gekommen sein, 1200 bis 1500 wurden angeblich auf den Märkten von Chiwa und Buchara in die Sklaverei verkauft, von denen nur wenige wieder an die Wolga zurückkam. Der Bauernaufstand unter der Führung von Jemelijan Pugatschew verschonte auch die Kolonien nicht. Nach der Einnahme der Stadt Saratow zogen Scharen plündernd durch das Land. Es wurden nicht nur Vieh und Getreide mitgenommen, sondern auch Männer. Manch einer nutzte diese Gelegenheit aber auch, um aus der Kolonie zu entkommen. Diese Erschwernisse und Rückschläge führten dazu, daß die Regierung erst im Jahre 1786 und nicht schon zehn Jahre nach der Ansiedlung, das heißt ab 1774, versuchte, die Auslagen für die Kolonisation von Siedlern einzutreiben. Es stellte sich aber heraus, daß die Kolonisten noch immer nicht im stande waren, die Schulden zu bezahlen. Die erwarteten wirtschaftlichen Erfolge waren nicht eingetreten. Die Regierung sah sich daher gezwungen, Revisionen durchführen zu lassen. Im Zuge dieser Revisionen wurde so manche Ungerechtigkeit aufgedeckt und auch abgestellt. Unter anderem wurde auch die Selbstverwaltung wiederhergestellt. Amtssprache der Kolonieverwaltung war bis hinauf zur obersten Instanz Deutsch. Die Wiederherstellung der Selbstverwaltung verlieh den Kolonisten den ursprünglich gewährten Sonderstatus wieder. Dieser Schritt wurde des öfteren von Slawophilen als ungerechtfertigtes Privileg kritisiert. Er sollte jedoch die wirtschaftliche Entwicklung der bereits bestehenden Kolonien unterstützen und begünstigte die Besiedlung Neurußlands, des heutigen südlichen Teils der Ukraine.Die Kolonisation Neurußlands unter Katharina II und Paul I Ein neuer Versuch der Kolonisation durch Auswanderer aus deutschen Ländern wurde durch die Veröffentlichung eines Einladungsmanifestes der Zarin im Juli 1785 eingeleitet. Man begann, bei den Mennoniten des Danziger Werders und bei den Bürgern der Stadt Danzig für die Auswanderung nach Neurußland zu werben. Mit der Durchführung wurde Kollegienrat Georg von Trappe beauftragt. Seine Mission war trotz des Widerwillens der preußischen Regierung und des Danziger Magistrats durchaus erfolgreich. Ihm gelang es im Jahre 1786, 755 Personen, darunter 404 Männer, anzuwerben. Nach anderen Angaben waren es sogar 910 Personen. Ob sich die Differenz durch Todesfälle während des mehrere Monate dauernden Transports ergibt, ist nicht klar. Vierzehn Familien aus dieser Gruppe wurden in der sehr stark geschwächten Kolonie Alt-Schwedendorf angesiedelt, 21 Familien gründeten die Kolonie Danzig im Bezirk Jelisawetgrad. Der andere Teil dieser Einwanderer hat sich in den verschiedenen Städten des Gebiets als Handwerker niedergelassen. Eine weitere Kolonistengruppe hat Georg Trappe im Jahre 1789 nach Jekaterinoslaw bringen können. Von den 100 angeworbenen Familien starben unterwegs zehn restlos aus, die anderen hatten ebenfalls Verluste zu beklagen. Die Überlebenden wurden in der Nähe der Stadt Jekaterinoslaw, dem heutigen Dnjepropetrowsk, an beiden Ufern des Flusses Samara angesiedelt. Gleichzeitig mit den Danzigern kamen auch Mennoniten aus Westpreußen als Kundschafter nach Neurußland. Sie handelten mit dem Gouverneur Fürst Potjomkin die Bedingungen ihrer Ansiedlung aus, die sich nach den Bestimmungen des Einladungsmanifestes richteten. Die Landzuteilung war aber viel großzügiger als 1763: sie bekamen 65 Desjatinen pro Familie. 1790 wanderten 228 Familien westpreußischer Mennoniten ein. Sie gründeten in der Nähe der heutigen Stadt Zaporoschje zehn Kolonien: Chortitza, Einlage, Insel Chortitza, Kronsweide, Neuburg, Neudorf, Blumgart, Rosengard, Rosental und Schönhorst. Neben diesen, von der Regierung umgesiedelten oder angeworbenen Kolonisten verschiedener Nationalität und Herkunft, kamen im Jahre 1803 auch erste Kundschafter aus Württemberg in das Neurussisches Gebiet. Auch in diesem Fall wurde die Ansiedlung entsprechend dem Einladungsmanifest von 1763, jedoch mit größerer Landzuteilung, gestattet. Die Kolonisation unter Alexander I. In Bezug auf die deutsche Kolonisation kam ein Gedanke zum tragen, der schon im Jahre 1765 vom Präsidenten der Tutelkanzlei, Graf Orlow, der Zarin vorgetragen wurde. Er schlug vor, bei der Einwanderung der für das Wolgagebiet bestimmten Kolonisten, einen Teil von ihnen im Ingermannland zwischen dem Finnischen Meerbusen, dem Fluß Newa, dem Ilmensee und Peipusee als Musterlandwirte anzusiedeln, weil sie durch ihr Beispiel zur „Vervollkommnung des Ackerbaus“ beitragen sollten. Unter diesem Gesichtspunkt wurden 110 Familien in der Nähe von Petersburg und im 1767 weitere 67 Familien in der Nähe von Jamburg angesiedelt. Der Gedanke, deutsche Bauern zwischen den Bauern anderer Volkszugehörigkeit als Musterlandwirte anzusiedeln, führte im Gegenzug dazu, daß durch einen Ukas vom 17 August 1793 einer Gruppe von 273 Kolonisten aus der Umgebung von Jamburg im Ingermannland die Umsiedlung nach Neurußland gestattet wurde. Sie gründeten die Kolonie Jamburg in der Nähe von Jekaterinoslaw. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde dieser Gedanke weiterentwickelt und als Bericht des Innenministers Kotschubej dem Zaren Alexander I. vorgelegt. Der Minister stellte fest, „die Einladung aufgrund des Manifestes von 1763 enthält keine Beschränkung darüber, welche Leute anzunehmen sind, sondern bezieht sich im allgemeinen auf jeden Beruf und Stand; deshalb kamen anfangs auch viele schlechte und größtenteils sehr arme Wirte, welche dem Staate bis jetzt wenig Nutzen gebracht haben“. Mit Rücksicht auf die Vermehrung der eigenen Bevölkerung und die damit verbundene Umsiedlung eines Teiles davon nach Neurußland schlug er die Ansiedlung „einer beschränkten Zahl solcher Einwanderer, welche in ländlichen Beschäftigungen und Handwerken als Beispiel dienen können“, vor. Vor allem sollten Bauern aufgenommen werden, die Erfahrungen im Weinbau, in der Anpflanzung von Obst- und Maulbeerbäumen, in der Viehzucht, insbesondere in der Schafzucht, hatten. Von den handwerklichen Berufen wurden Schneider, Schuster, Zimmerleute, Schmiede, Töpfer, Müller, Weber und Maurer ausdrücklich, andere Berufe nur nach Bedarf zur Einwanderung zugelassen. Während für die Gewinnung von Kolonisten für das Wolgagebiet den „Berufern“ Kopfprämien gezahlt wurden, ist für die Kolonisation Neurußlands nicht geworben worden. Einreisewillige sollten sich selbst bei russischen Gesandten melden. Sie mußten dabei „Pässe, Zeugnisse oder andere Scheine, die von Magistraten oder Gemeinden ausgestellt, die Bescheinigung eines guten Lebenswandels des Vorzeigers enthalten sollten“, vorlegen. Für die Einwanderung kam aber nur in Frage, wer seiner Regierung gegenüber keine Verbindlichkeiten hatte, verheiratet war und Bargeld oder Waren im Wert von mindestens 300 Gulden als Eigenbesitz nachweisen konnte. Diese Vorschriften wurden von Alexander dem Ersten am 20 Februar 1804 bestätigt und bildeten die Grundlage der deutschen Kolonisation Neurußlands. Man kann sagen, daß für diese Einwanderer ungleich besser gesorgt wurde als für jene, die in das Wolgagebiet geholt wurden. Auswanderungswillige konnten sich nun in den eigens dafür eingerichteten Sammelstellen in Frankfurt, Rothenburg, Regensburg, Ulm und Lauingen an der Donau melden. Die Regierungen versuchten Bevölkerungsverluste zu verhindern; in Baden etwa verschlangen die verschiedenen, bei den Auswanderungen fälligen Abgaben bis zu einem Viertel des Vermögens. Als das nicht wirkte, beschloß die Regierung, daß Rückkehrern die Aufnahme in den badischen Untertanenverband verweigert werden sollte. Gleichzeitig wurde die russische Regierung ersucht, Einwanderern aus Baden die Rückreise nicht zu gestatten. Der Auswandererstrom kam aber seit 1804, trotz der Behinderung durch die Regierung und den Feldzug Napoleons gegen Preußen und dessen Verbündeten Rußland in Gang und hielt über mehrere Jahre an. Die Auswanderer aus dem Südwesten wurden durch die „Russisch-Kaiserliche Colonie Transport Station“ ab Ulm und Lauingen mit etwa 30 Meter langen sogenannten „Ulmer Schachteln“ bis Wien gebracht. Von hier aus fuhr ein Teil Donauabwärts bis Ismail und dann auf dem Landweg weiter über die Grenzstadt Dubosary nach Odessa. Der größere Teil aber reiste ab Wien oder Budapest auf dem Landweg durch die Karpaten und Galizien nach Rußland. Im Jahre 1809 reisten Auswanderer aus der Pfalz, aus Hessen Baden, Württemberg und aus dem Elsaß von einem Sammellager in der Nähe von Frankfurt am Main über Schlesien, Warschau und Grodno nach Ekaterinoslaw und wurden dort auf die vor gesehenen Kolonien verteilt. Für die Anlage der Siedlungen stellte die Regierung insgesamt 532.000 Desjatin Land zur Verfügung. Dieses bildete keine zusammenhängende Fläche, sondern wurde, entsprechend dem Ziel, Musterlandwirte anzusiedeln, an mehreren Stellen zugeteilt. Die darauf gegründeten Dörfer wurden in der Folge zu Kolonistengebieten zusammengefaßt. Das Großliebentaler Gebiet entstand westlich von Odessa in der waldlosen Steppe zwischen der Küste und den Flüßchen Dalnik, Klein- und Groß-Akerscha und Baraboj. Die Landfläche betrug 34.212 Desjatinen. Die älteste Siedlung war Großliebental. In den Jahren 1804 bis 1806 entstanden weitere neun Kolonien; von den ersten waren sechs evangelisch und vier katholisch. Das Kutschurganer Gebiet wurde 1808 am Fluß Kutschurgan, einem Nebenfluß des Dnjestr, angelegt. Die sechs Kolonien, Baden, Elsaß, Kandel, Mannheim, Selz und Straßburg waren katholisch. Die meisten der Einwanderer stammten aus dem Elsaß, aus Baden und aus der Pfalz. Die ersten Kolonisten des Glückstaler Gebietes wurden 1803 in dem armenischen Städtchen Grigoriopol angesiedelt. In den Jahren 1808 bis 1810 gründeten sie Bergdorf, Glückstal, Neudorf und Kassel. Die weitaus meisten Siedler dieses Gebietes kamen aus Württemberg. Sie waren alle Protestanten. Ein weiteres Kolonisationsgebiet, das Beresaner Gebiet, wurde in den Jahren 1809 und 1810 im Tal des Steppenflüßchens Beresan angelegt. Von den ersten sieben Kolonien waren Landau, München, Rastatt, Speyer und Sulz mit katholischen, Rohrbach und Worms dagegen mit evangelischen Einwohnern. Die meisten Siedler stammten aus Baden, aus dem Elsaß und der Pfalz. Im Schwedengebiet entstanden 1806 die katholische Kolonie Klosterdorf und die evangelischen Kolonien Schlangendorf und Mühlhausendorf. In den Jahren 1804 bis 1810 wurde an dem Flüßchen Molotschna das Molotschnaer Kolonistengebiet gegründet. Es bestand aus insgesamt 16 Kolonien. Die Zahl der Kolonien auf der Krim wuchs bis zum Jahre 1810 auf zehn an. Die Einwanderung größeren Ausmaßes fand im Jahre 1810 ein vorläufiges Ende, man bereitete sich auf den Krieg mit Frankreich vor und hatte für die Weiterführung der Kolonisation vorerst keine Mittel mehr. Nach der Beendigung der Napoleonischen Kriege setzte der Nachzug kleinerer Auswanderergruppen aus verschiedenen deutschen Fürstentümern in bereits bestehende Kolonien wieder ein. Die hohen Verluste während der Einwanderung dürften, neben der durch den Krieg gegen Napoleon eingetretenen Erschöpfung der Staatsfinanzen, die Hauptursache dafür gewesen sein, daß die Werbung für Neurußland durch den Erlaß des russischen Außenministers vom Februar 1820 eingestellt wurde. Kleinere Einwanderergruppen kamen aber immer wieder mit Sondergenehmigungen in das Land. Sie wurden vor allem in den, in den Jahren 1823 bis 1842 gegründeten „Planer Kolonien“ in der Nähe der Hafenstadt Mariupol, angesiedelt. Ferner setzte seit 1816 eine Einwanderung aus Polen nach Wolhynien ein. Sie erfolgte aber auf Privatinitiative ohne staatliche Unterstützung und hatte ihre Höhepunkte in den Jahren der polnischen Aufstände von 1831 und 1863. Die Gesamtzahl der Deutschen, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Bauern und Handwerker in den Kolonien und Städten Neurußlands niederließen, beläuft sich auf insgesamt etwa 10.000 Familien mit ungefähr 55.000 Personen. Die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonien Neurußlands Die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Kolonien Neurußlands war am Anfang ebenso stark durch die Krankheiten der Bevölkerung und ungünstige Witterungsbedingungen behindert wie die Entwicklung in den Kolonien an der Wolga oder in den Schwedenkolonien am Dnjepr. In Alexanderhilf im Großliebentaler Bezirk starben im Jahre 1804 über 360 Personen, die nächsten zwei Jahre überlebten nur wenige. In der nahegelegenen Kolonie Neuburg starben zur selben Zeit 29 der 65 angesiedelten Familien aus. Die Kolonisation Bessarabiens verlief unter ähnlichen Schwierigkeiten. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln war nicht regelmäßig, und die Zuteilungen bestanden zum großen Teil aus minderwertigem Mehl, das sich kaum als Futter für die Tiere eignete. Organisatorische Unzulänglichkeiten und Korruption unter den Beamten erschwerten die Lage der Kolonisten so sehr, daß sie den Behörden offenen Widerstand leisteten. Diese Unruhen erregten auch in den Regierungskreisen Aufsehen und führten zu einer Untersuchung. In deren Verlauf fanden die Beschwerden ihre Bestätigung, und mehrere Beamte und Kolonievorsteher wurden ihrer Ämter enthoben. Die personellen Umbesetzungen und die Einhaltung der Vorschriften des Einladungsmanifestes und des Kolonialkodexes erleichterten die Lage und ermöglichten nun eine gedeihliche Entwicklung. Der Tätigkeit des umsichtigen und energischen Gouverneurs von Bessarabien Iwan Inzow und seiner Mitarbeiter, vor allem des Oberrichters des Fürsorgekomitees, Staatsrat Samuel Kontenius, war es zu verdanken, daß die Kolonien Neurußlands nun eine schnelle Entwicklung erlebten. Die Urbarmachung des Steppenlandes erforderte viel Arbeitsaufwand. Sie brachte aber wegen fehlender Düngung keine beständig guten Ernten. Auf Anordnung von Kontenius wurde in den Kolonien Neurußlands, ebenso wie vorher in den Wolgakolonien, das Dreifelder-, stellenweise auch das Vierfeldsystem eingeführt. Der Ackerbau allein konnte aber den Lebensunterhalt der Kolonisten nicht sicherstellen. Deshalb befahl Kontenius, Gemüse und Obst über den eigenen Bedarf hinaus anzubauen und es in den naheliegenden Städten zu verkaufen. Die Zucht von Seidenraupen und Bienen, der Anbau von Wein und Tabak sollten zusätzliche Einnahmen bringen.Die Entwicklung der Kolonien im 19. Jahrhundert Die wirtschaftliche Entwicklung der Wolgakolonien verlief nach deren Stabilisierung gegen Ende des 18. Jahrhunderts relativ erfolgreich. Durch die Nähe zur Wolga war der Getreideabsatz nicht nur nach Saratow, sondern weit darüber hinaus gesichert. Zu dieser Zeit haben eine Reihe von Kolonisten ihre Bauernhöfe aufgegeben und ließen sich in die Kaufmannsgilden eintragen. Sie bauten eine Vielzahl von Wind und Wassermühlen und gingen vom Getreidehandel zum einträglicheren Mehlhandel über. Der Anbau von Sonnenblumen, Obst und Gemüse diente zur Deckung des Eigenbedarfs. Die bis dahin in dieser Gegend nicht bekannte Kartoffel wurde rund 50 Jahre nach der Ansiedlung der ersten Kolonisten auch von den benachbarten russischen Bauern übernommen. Erfolgreich waren die Versuche mit dem Anbau von Tabak, 13 Tabakfabriken wurden errichtet. Im Laufe der Zeit gewann auch das Handwerk zunehmend an Bedeutung. In den letzten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts ist ein Aufschwung in den deutschen Kolonien Neurußlands zu verzeichnen, der bis zum Ersten Weltkrieg anhielt. Er wurde in hohen Maßen durch den Ausbau der Verkehrswege ermöglicht. Der Anschluß an die Verkehrswege verbesserte den Getreideabsatz ganz erheblich und führte zur intensiveren Bodenbearbeitung und zum Aufbau einer leistungsfähigen Mühlenindustrie. Die Intensivierung der Bodenbearbeitung wurde durch den Einsatz von immer mehr und besseren landwirtschaftlichen Maschinen ermöglicht. Hier soll auf die größte deutsche Landmaschinenfabrik in Rußland hingewiesen werden. Die im Jahre 1856 in Odessa gegründete Firma von Johann Hoehn beschäftigte 1912 in zwei Betrieben 1200 Arbeiter und baute in diesem Jahr 80.000 Pflüge, 30.000 Eggen, 6000 Mähmaschinen, 3000 Drillmaschinen (Sämaschinen), 2000 Bugger (Bodenauflockerungsgeräte), 1500 Goeppel-Dreschmaschinen und 1600 Breitsähmaschinen. Das Unternehmen gründete 1913 eine Verkaufsgemeinschaft mit zwei anderen deutschen Landmaschinenfabriken, dies ermöglichte die Spezialisierung der Produktion und den Vertrieb im ganzen Russischen Reich. An diesem wirtschaftlichen Aufschwung konnten jedoch nicht alle Kolonien gleichermaßen teilhaben. Der sehr rasche Bevölkerungszuwachs führte insbesondere in den Wolgakolonien zu einer starken Bevölkerung. Im Jahre 1912 gab es auf dem Gebiet der späteren Wolgarepublik 227 Kolonien und Streusiedlungen mit einer Bevölkerung von 427.400 Personen. 81% der Siedlungen hatten über 1000 Einwohner. Ein Weggang aus den Kolonien war aber wegen des „Mir-Systems“ mit dem Verlust des Eigentums- bzw. des Nutzungsrechtes verbunden und behinderte so das Absiedeln der überschüssigen Bevölkerung. Eine Äderung trat erst durch die Agrarreform des Stolypin ein, die in den Jahren 1906 und 1910 durchgeführt wurde. Sie hatte die Überführung von Grund und Boden aus dem Gemeinschafts- in den Privatbesitz zum Ziel. Zu dieser Zeit wurden in Sibirien Ländereien für eine Kolonisation zur Verfügung gestellt. Dadurch verstärkte sich der bereits in den 1890er Jahren eingesetzte Zustrom von Deutschen nach Sibirien und Nordkasachstan. Die Mennonitengemeinden bei Orenburg bekamen einen Zuwachs durch Einwanderer. Es entstanden auch neue Kolonien bei Kustanaj, Semipalatinsk, Omsk und im Altaigebiet. Kleinere Kolonien entstanden in Mittelasien, in Ostsibirien und sogar im Amurgebiet. Gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Expansion war auch ein wachsendes Ansehen der Repräsentanten der Kolonien zu verzeichnen. Bezeichnend ist auch, daß die Kolonisten einen immer regeren Anteil am öffentlichen Leben nahmen. Im Stadtrat von Saratow stellten die Deutschen in der Wahlperiode von 1913 bis 1916 14,6% aller Abgeordneten bei einem Anteil an der Stadtbevölkerung von nur 6,7%, das heißt, sie wurden zum großen Teil von ihren nichtdeutschen Mitbürgern gewählt. Das hohe Ansehen der Kolonisten und ihrer Repräsentanten bei den andersvölkischen Mitbürgern und das Vertrauen, das ihnen zunehmend in Wirtschaft und Politik erwiesen wurde, sind wohl der beste Beweis dafür, daß sie von ihrer unmittelbare Umgebung nicht als Fremdkörper oder gar als Feinde angesehen wurden.Kirche und Schule Es darf auf keinen Fall übersehen werden, daß für viele Kolonisten die Einwanderung nach Rußland erst durch die Zusage der Religionsfreiheit erstrebenswert wurde. Bei den Mennoniten und Separatisten aus Südwestdeutschland war dies sogar der ausschlaggebender Grund. Die ersten Geistlichen, ein lutherischer und ein calvinistischer Pastor sowie ein katholischer Pater und je ein Küster, wurde auf Beschluß der russischen Regierung vom 3. November 1763 in die Wolgakolonien entsandt. Ihr Gehalt zahlte die Regierung zwei Jahre lang. Danach sollten die Kolonisten die Besoldung der Geistlichen selbst übernehmen und die Auslagen der ersten zwei Jahre nach Ablauf von zehn Jahren dem Staat in Raten zurückerstatten. Die Gehälter für die Geistlichen mußten indessen wegen der Uneinigkeit der Kolonisten über deren Höhe, den unterschiedlichen Status der Ansiedler auf Kronsland oder auf dem Privatland, wegen der anfänglichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und aus diversen anderen Gründen vom Saratower Tutelkontor übernommen werden. Auch die Kosten für den Bau von Kirchen und Bethäusern wurden von diesem Kontor übernommen, alle diese Auslagen sollten nach Ablauf der Freijahre an die Krone zurückerstattet werden. Im Januar 1765 wurde die Errichtung von Gotteshäusern in jedem Kreis gestattet und bereits 1768 die ersten beiden Kirchen mit Pastorat und Schule gebaut. Bis Ende des Jahres 1771 hatte jeder Kreis der Wolgakolonien eine Kirche und die dazugehörige Schule. Die Geistlichen sollten aber nicht nur als Seelsorger im kirchlichen Rahmen wirken, sondern auch zur Stärkung von Sitte und Moral beitragen und durch Ermahnung zu besserer Arbeitshaltung die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonien fördern. Die Seelsorge war aber, abgesehen von den materiellen Problemen der Geistlichen, unbefriedigend geregelt. Nicht alle Pfarrstellen konnten besetzt werden, und daher mußten Seelsorger aus dem Ausland eingeladen werden. So waren an der Wolga elf Schweizer Seelsorger tätig. Auch in den Kolonien des Schwarzmeergebietes waren bis 1829 insgesamt zwölf Zöglinge der Baseler Missionsschule tätig. Eine evangelisch-theologische Fakultät gab es in Rußland erst mit der Gründung der Universität zu Dorpat (heute Tartu) im Jahre 1802. Sie hatte aber vor allem für den Priesternachwuchs der baltischen Provinzen und der Hauptstädte zu sorgen. Der erste Absolvent dieser Universität kam 1854 in die Kolonien von Transkaukasien. Kolonistensöhne haben erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in größerer Zahl in Dorpat studiert. Die Schulfrage war eng mit der Kirchenfrage verbunden. Sowohl die Protestanten als auch Katholiken legten großen Wert auf eine sorgfältige Ausbildung der Geistlichkeit und auf die Verbreitung von Elementarkenntnissen im Volk. Da die Einwanderer aus ihrer Heimat die Volksschule kannten, nimmt es nicht wunder, daß sie nicht nur während der Anreise „Schule hielten“, sondern sogleich nach der Ansiedlung bestrebt waren, Schulen für ihre Kinder zu schaffen. Ganz anders waren zu dieser Zeit die Schulverhältnisse in Rußland. Die russische orthodoxe Kirche hatte keinerlei Beziehung zum wissenschaftlichen Denken oder zur Volksbildung. In ganz Rußland gab es 1764 lediglich 26 Seminare, die den Priesternachwuchs sichern sollten. Angesichts dieses Zustandes ist es verständlich, daß Rußland keine Volksschulen für Leibeigene haben konnte. Unter diesen Voraussetzungen entwickelte sich die deutsche Schule in den Kolonien Rußlands. In der ersten Zeit nach der Einwanderung gab es noch genügend Gebildete, die das Lehramt ausüben konnten. Im Jahre 1782 entfiel die Besoldung der Lehrer durch das Tutelkontor, und man ging zur Unsitte über, das Lehramt demjenigen zu übertragen, der dafür das geringste Entgelt forderte. Es ist ganz klar, daß unter diesen Umständen die Qualität des Unterrichts ständig zurückgehen mußte, insbesondere auch deshalb, weil es keinen Lehrernachwuchs gab. Im Jahre 1865 gab es in den Wolgakolonien 175 kirchliche Schulen, in denen 22.046 Knaben und 21.223 Mädchen von 214 Lehrern unterrichtet wurden. Das waren 247 Kinder pro Schule oder 202 Kinder pro Lehrer. Wohlhabende Kolonisten schickten ihre Kinder auf höhere russische Schulen oder ließen sie von Privatlehrern unterrichten. Die Situation in den Kolonien Südrußlands unterschied sich von der an der Wolga recht deutlich. Das liberale Schulgesetz für Wolhynien, Kiew und Polodien fand auch in den Kolonien Neurußlands Anwendung. Es behinderte die Geldsammlungen für schulische Zwecke nicht. Zudem war es angesichts des Wohlstandes der Kolonien leichter, zusätzliche Gelder zu sammeln. Das beste Beispiel für Wohltätigkeit durch Privatinitiative finden wir in der deutschen Gemeinde zu Odessa. Auf Veranlassung von Pfarrer Fletnizer wurde 1829 eine Sammlung für eine Schule durchgeführt. In dieser Schule wurden die Fächer Deutsch, Russisch, Französisch, Arithmetik, Rechtschreiben, Geographie, Geometrie, Geschichte, Naturkunde, Technologie, Gesang und Malen unterrichtet. Neben dieser Schule wurden in Odessa durch die Initiative der Geistlichkeit bereits 1823 eine Armenkasse und 1831 ein Altersheim gegründet; später kamen ein Hospital und ein Waisenhaus dazu. In der Mitte des Jahrhunderts folgte eine Realschule, eine Handelsschule und Kurse für Mädchen. Alle diese Einrichtungen wurden jahrzehntelang durch die Spenden der Gemeindemitglieder finanziert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte jedes Kolonistengebiet Neurußlands eine Zetralbildungsanstalt zur Ausbildung von Lehrern und Schreibern. Zur selben Zeit wurden in Georgien Ackerbauschulen und Progymnasien, in Tiflis ein Realgymnasium, in Helenendorf eine Oberrealschule gegründet, um nur einige zu nennen.Vom Abbau der Privilegien bis zur Deutschenhetze Die Entwicklung der deutschen Kolonien in Rußland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde zunehmend durch innen- und außenpolitische Entwicklungen bestimmt, mit denen die Kolonisten eigentlich nichts zu tun hatten. Die Niederlage im Krimkrieg (1853 bis 1856) wurde in Rußland als nationale Demütigung empfunden und gab den Panslawisten Auftrieb. Ihre politischen Aktivitäten, die auf die Einigung aller Slawen unter russischer Führung gerichtet waren, blieben auch für die innere Entwicklung des Landes nicht ohne Wirkung. Im Zusammenhang mit der Bauernbefreiung etwa, wurden nun alte Vorbehalte gegen die Besserstellung der Kolonien wieder laut vorgetragen. Dabei forderte man den Abbau der Privilegien und die Angleichung der Rechte der Kolonisten an die der wesentlich schlechter gestellten russischen Bauern, statt einer weitgehender Befreiung und Angleichung der Bauern an den rechtlichen und wirtschaftlichen Stand der Kolonisten. Als erstes wurde in Saratow 1866 das Tutelkontor in seinen Rechten beschnitten. Es war jetzt nur noch mit Kirchen und Schulangelegenheiten befaßt, aber gerade diese Gebiete zählten schon bisher nicht zu seinen Stärken. Eine entscheidende Verschlechterung brachte das Jahr 1871. Das Kolonistengesetz wurde aufgehoben und die bei der Einwanderung gewährten Privilegien widerrufen. Die Kompetenzen der Verwaltungskörperschaften und der gewählten Beamten wurden wesentlich vermindert. Nach dem neuen Gesetz war der Schulze (Starosta) jetzt nicht viel mehr als der Büttel der Staatsgewalt, die ihn vor allem für die Eintreibung der Steuern verantwortlich machte. Als weitere verhängnisvolle Folge der Angleichung der Rechte der Kolonisten an die der russischen Bauern wurde auch die Befreiung von dem Militärdienst widerrufen. Das war für die Kolonisten ein Schock, denn der Militärdienst dauerte in Rußland zu dieser Zeit 15 bis 20 Jahre. Am härtesten traf die neue Einführung die Mennoniten, für die der Dienst mit der Waffe nicht mit ihrem Glauben zu vereinbaren ist. Sie selbst und ihre Vorfahren waren ja aus Preußen nach Rußland gekommen, um dem Dienst mit der Waffe zu entgehen. Ein beträchtlicher Teil der Mennoniten lehnte jeglichen Dienst ab und bereitete sich zur Auswanderung in ein geeignetes Land vor. Sehr viele von ihnen wanderten nach Kanada, in die USA und in die anderen Staaten des amerikanischen Kontinents aus. Zur gleichen Zeit kam auch die Auswanderung katholischer und protestantischer Kolonisten aus dem Wolgagebiet, Bessarabien und Neurußland in Gang. Sie schickten, wie die Mennoniten, ebenfalls Kundschafter nach Übersee. Viele warteten erst gar nicht auf deren Nachrichten und wanderten gleich aus. Zeitgleich mit dem Abbau der Privilegien der Kolonisten in Rußland kam in Wolhynien eine Entwicklung in Gang, deren Tragweite erst zu Beginn des Ersten Weltkrieges deutlich wurde. Nach der Niederwerfung des Aufstandes in Polen von 1863 verschlechterte sich die Lage der deutschen Bauern in diesem Lande, weil sie sich an der Revolte nicht beteiligt hatten. Außerdem machte sich eine zunehmende Landknappheit bei steigenden Bodenpreisen stark bemerkbar. Zur gleichen Zeit gab es aber weiter östlich, in Wolhynien, preiswertes Land zu pachten und zu kaufen. Den dortigen Gutsbesitzern fehlten nach der Bauernbefreiung die billigen Arbeitskräfte und den Bauern die Mittel und Erfahrungen zur Trockenlegung der Sümpfe. Die deutschen Zuwanderer aus dem Gouvernements Warschau brachten beides mit. Sie verwandelten Sumpfgebiete in Ackerland, pachteten oder kauften neue Grundstücke und machten auch diese urbar. Es gab für Ausländer keine Beschränkungen beim Grunderwerb. Dieses Einsickern deutscher Bauern stieß bei den Slawophilen auf wenig Gegenliebe. Bereits 1874 schrieb der damalige Generalgouverneur von Kiew, Podolien und Wolhynien, Fürst Dondukow-Korsakow: „Wenn diese Kolonisten auch des starken Arbeitermangels wegen dem Lande, wirtschaftlich betrachtet, nützlich sind, so rufen sie doch politisch die Befürchtung hervor, ob nicht die immer mehr zunehmende Einwanderung der Deutschen eine Änderung des Charakters der Landbevölkerung an der Grenze nach sich ziehe, ob nicht statt der Russifizierung des Gebietes eine Germanisierung sich ergäbe“.Mit dem Regierungsantritt Alexander des III. gewannen die Slawophilen an Einfluß. Das Motto des Zaren „Rußland muß den Russen Gehören“ erhob die Ausländerfeindlichkeit zur Staatspolitik und verstärkte den Deutschenhaß. In der darauf entbrannten öffentlichen Diskussion ergriffen neben der deutschen „Sakt-Petersburger Zeitung“ auch die russischen Großgrundbesitzer und das ihnen nahestehende Blatt „Kiewljanin“ Partei für die Kolonisten, indem sie auf den durch diese erbrachten wirtschaftlichen Nutzen hinwiesen. Der Druck der Slawischen Komitees in Kiew auf die öffentliche Meinung und die örtlichen Verwaltungen führten aber schon bald dazu, daß, wie es der deutsche Generalkonsul in Kiew, Raffauf, ausdrückte, jeder kleine Beamte sich berechtigt glaubte, den Deutschen gegenüber ungestraft den Tyrannen spielen dürfen. Die deutschfeindliche Atmosphäre und der sehr stark gestiegene Pachtzinsen führten dann auch, allein im Jahre 1890, zur Auswanderung von etwa 10.000 Siedlern aus den Wolhynischen Bezirken Lutzk, Kowel und Wladimir-Wolynsk nach Brasilien. Die durch die Ausländerfeindlichkeit bestimmte, andauernde Verschlechterung der Lage der Kolonisten, vor allem in Wolhynien, gipfelte nach Beginn des Ersten Weltkrieges in den sogenannten „Liquidationsgesetzen“, der ersten staatlichen Maßnahme, welche die Vernichtung zahlreicher deutscher Existenzen zur Folge hatte. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren die gegen die Kolonisten gerichteten Maßnahmen nicht mehr zu bremsen. Durch einen Erlaß des Zaren vom 18. August 1914 wurde der Gebrauch der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit unter Strafe gestellt. Am 22. September 1914 verfügte ein „Erlaß über die Aufhebung des Grundbesitzes feindlicher Ausländer“ die Enteignung nicht nur von Angehörigen der Feindstaaten, sondern auch von Kolonisten ausländischer Abstammung. Diese Maßnahmen wurden durch die Liquidationsgesetze vom 2. Februar und vom 15. Dezember 1915 verschärft. Jetzt galt das Wort des russischen Ministerpräsidenten Goremykin: „Wir führen Krieg nicht nur gegen das Deutsche Reich, sondern gegen das Deutschtum überhaupt“. Die Liquidationsgesetze sahen vor, daß Angehörige der Feindstaaten ebenso wie Kolonisten ausländischer Abstammung ihren Grundbesitz in einem Streifen von 100 bis 150 Werst entlang der Westgrenze und den Ufern der Meere innerhalb von 10 bzw. 16 Monaten verkaufen mußten. Es gab aber bei weitem nicht so viele Kaufinteressenten für Grundstücke, die in den frontnahen Gebieten lagen. Bei den Versteigerungen hatte die Staatsbank das Vorkaufsrecht und konnte dadurch die Grundstückspreise bis auf 10% des Vorkriegswertes herunterdrücken. Von dem niedrigen Erlas wurde aber nur ein kleiner Teil bar ausgezahlt, der Hauptteil wurde in unverkäuflichen Namensobligationen angelegt, die erst nach 25 Jahren fällig waren. Dies war der wirtschaftliche Ruin für die Kolonisten. Im Jahre 1917 wurde der Grenzstreifen, in dem die Grundstücke verkauft werden mußten, auf 28 Gouvernements ausgedehnt und durch einen Erlaß vom 15. Februar 1917 die Liquidationsgesetze auch in den Gouvernements Innerrußlands und ausdrücklich in den Wolgakolonien eingeführt. Als Reaktion darauf beschloß eine Versammlung aus den Vertretern der den Wolgakolonien benachbarten Stadtparlamente und Börsenkomitees, der Landschaftsversammlungen und der Unternehmer einstimmig folgende Resolution: „Die unter uns wohnenden deutschen Kolonisten sind ebensolche russische Bürger wie wir alle. Wir sind verpflichtet, fest und bestimmt zu erklären, daß die Liquidierung der deutschen Ländereien besonders bei der gegenwärtigen allgemeinen landwirtschaftlichen Krise eine ungerechte und verderbliche Maßnahme ist, nicht nur für die Kolonisten, sondern auch für den ganzen Gau. Sie wird sich auch in ganz Rußland fühlbar erweisen“. Solche besonnene Stimmen wurden aber nicht gehört. Die Einstellung der Vertreibung sowie der Liquidationsgesetze erfolgten erst durch die erzwungene Abdankung des Zaren. Beides wurde vorerst nur ausgesetzt, nicht aufgehoben. Nach der Februar-Revolution des Jahres 1917 dankte Zar Nikolaj II ab, und die provisorische Regierung verkündete die Bürgerrechte für alle Einwohner des Russischen Reiches. Diese Proklamation war der Beginn einer deutschen Autonomiebewegung. Am 18. März 1917 fand in Odessa die erste Versammlung von Vertretern der deutschen Bevölkerung Rußlands statt. Die Machtergreifung der Bolschewiki erfolgte in Saratow zur gleichen Zeit wie in Petersburg, das seit Kriegsbeginn Petrograd hieß. Schon bald begannen auch die Übergriffe gegen deutsche Kolonien. Es wurden Requisationen von Getreide und Vieh durchgeführt und Kontributionen auferlegt. Die meisten dieser Gruppen, die sich Rote Garden nannten, kamen von auswärts. In Katharinenstadt und in den umliegenden Kolonien beteiligten sich daran aber auch Deutsche; es machten sich hier die sozialen Spannungen bemerkbar. Im Januar 1918 fand eine Konferenz der deutschen Abgeordneten der Gouvernements Saratow und Samara in Warenburg statt. Die Warenburger Konferenz der Wolgadeutschen war sich einig über die Lage in den Kolonien und Maßnahmen zur Abwehr von Übergriffen. Man verabschiedete gemeinsam das „Projekt eines nationalen Zusammenschlusses aller Wolgakolonien zu einer selbständigen Wolgarepublik im russischen Föderationsstaat“ und berief für den 13. Mai eine „Verfassungsgebende Versammlung“ nach Seelmann ein. Bis dahin sollte ein Hauptverwaltungsrat die Verwaltungsaufgaben in den Kolonien wahrnehmen. Im April 1918 fuhr eine Delegation des Hauptverwaltungsrates nach Moskau, um aufgrund der Beschlüsse der Warenburger Konferenz mit der Zentralregierung über die Gewährung der Autonomie und die Grenzen der zu schaffenden Föderation zu verhandeln. Auf Beschluß der Zentralregierung wurde Ende April 1918 in Saratow das „Kommissariat für deutsche Angelegenheiten im Wolgagebiet“ gebildet. Es bestand aus Ernst Reuter und Karl Petin, die aus Moskau entsandt wurden, und den Wolgadeutschen A. Mohr, A. Emich, G. Klinger und G. Dinges. Dieses Kommissariat, das später durch weitere Bolschewiki aus Moskau verstärkt wurde, sollte die „Selbstverwaltung der deutschen Kolonien auf der Grundlage der Sowjetgewalt“ in die Wege leiten und die Vorarbeiten für den Rätekongreß leisten. Der erste Gebietsrätekongreß trat am 30. Juni 1918 zusammen und verabschiedete die „Leitsätze für die Organisierung einer Föderation der Arbeiter und Bauernräte der deutschen Kolonien im Wolgagebiet“. Am 19.Oktober 1918 wurde ein von Lenin unterzeichnetes Dekret veröffentlicht.Durch dieses Dekret wurde die „Arbeitskommune des Gebietes der Wolgadeutschen“ gegründet. Die Machtergreifung der Bolschewiki vollzog sich im Laufe des Jahres 1918 sowohl im Wolgagebiet und in der Ukraine, als auch in an deren Landesteilen nach dem Schneeballsystem. Ortsfremde kamen aus Petrograd, Moskau und anderen Industriestädten in die Provinz, jagten mit Waffengewalt die alten Verwaltungsorgane auseinander, beschlagnahmten Banken, Vorratslager usw. und setzten mit Hilfe örtlicher Bolschewiki und ihrer Sympathisanten Arbeiter- und Bauernräte als neue Machtorgane ein.Diese sahen ihre revolutionäre Pflicht darin, den„konterrevolutionären Kräften“ möglichst viele Güter verschiedenster Art wegzunehmen und an die Bedürftige zu verteilen. Unter diesen Umständen waren deutsche Kolonien immer häufiger beliebte Objekte von Übergriffen, gegen die sie sich kaum wirksam wehren konnten. Die Enteignungen wurden vielerorts als Auswirkung des Deutschenhasses und der Liquidationsgesetze angesehen. Deshalb erwartete man Schutz vom Deutschen Reich, dessen Streitkräfte sich nach dem Scheitern der Friedensverhandlungen zwischen den Mittelmächten und Rußland in Brest-Litowsk ungehindert auf dem Vormarsch in Rußland befanden. Dieser Vormarsch wurde durch den Friedensvertrag vom 3. März 1918 gestoppt. Die Wolgakolonien lagen damals noch weit außerhalb der Reichweite der deutschen Truppen. Die Hoffnung auf Schutz durch sie schien aber berechtigt, da Rußland kurz vor dem Zusammenbruch stand:Es mußte Estland, Lettland, Litauen und Polen abtreten und Finnland und die Ukraine als selbständige Staaten anerkennen. Mit der „Volksrepublik Ukraina“ haben die Mittelmächte am 9. Februar 1918 den sogenannten „Brotfrieden“ geschlossen. Deutsche und Österreichisch-Ungarische Truppen besetzten ukrainisches Gebiet und übernahmen die Aufgabe, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Als Gegenleistung konnten deutsche und Österreichische Behörden dringend benötigtes Brotgetreide und andere Lebensmittel für die Versorgung der eigenen Bevölkerung und der Truppe aufkaufen. Bessarabien wurde an Rumänien übergeben. Die Anwesenheit deutscher Truppen weckte bei den Kolonisten die Hoffnung auf dauerhaften Schutz durch das Deutsche Reich. Der Vorsitzende des Hauptkomitees des „Allrussischen Verbandes russischer Bürger deutscher Nationalität“, Pastor Winkler, und seine Anhänger propagierten die Schaffung einer „Kolonie Krim-Taurien“, welche die Kolonien der Südukraine, Bessarabiens und der Krim umfassen sollte. Kolonisten anderer Gebiete sollten auf dieses Gebiet, das eine Kronkolonie des Deutschen Reiches werden sollte, umgesiedelt werden. Für die Kolonisten wurde die Aufnahme in den Reichsverband, das heißt die Verleihung der Staatsangehörigkeit des Deutschen Reiches gefordert. Dieser Plan wurde nicht von allen Deutschen und auch nicht von allen Mitgliedern des „Südrussischen Zentralkomitees“ in Odessa gebilligt. Winkler glaubte aber, die Unterstützung der Obersten Heeresleitung und anderer interessierter Behörden zu haben und warb im Sommer 1918 in Deutschland für die Verwirklichung seiner Ziele. Vertreter der Wolgadeutschen, vor allem Pfarrer Johannes Schleuning, bemühten sich, den Schutz des Deutschen Reiches und das Recht auf Auswanderung nach Deutschland zu erreichen. Beides war im Zusatzvertrag zum Friedensvertrag von Brest-Litowsk vereinbart worden. Das Interesse des Deutschen Reiches an der Verwirklichung der Bestimmungen des Zusatzvertrages wurde aber mit der Verschlechterung der Lage an der Westfront immer geringer und hatte mit dem Zusammenbruch des Reiches ein Ende. Der Bürgerkrieg war zu dieser Zeit in Rußland noch lange nicht beendet. Er dauerte bis 1921 und brachte auch den Deutschen viel Elend und Not. Die Wolgakolonien gerieten 1918 zwischen die Fronten der Roten und der Weißen. Beide Bürgerkriegsparteien holten aus den Kolonien soviel Getreide, Vieh, Pferde und Rekruten heraus, wie sie konnten. Bei Widerstand wurden die Siedlungen unter Artilleriebeschuß genommen und dann zur Ablieferung noch größerer Mengen der geforderten Güter gezwungen. Im Jahre 1919 war ein Teil der Kolonien der Bergseite Kampfgebiet zwischen den Roten und den Truppen unter dem Befehl des „weißen Generals“ von Wrangel. In einer noch schlimmeren Lage befanden sich die Kolonien in der Ukraine. Hier ging die Front mehrmals über sie hinweg. Deutsche Truppen verdrängten im Februar 1918 die Roten aus der Ukraine, mußten sich aber im November desselben Jahres zurückziehen. Daraufhin nahmen die Banden des Anarchisten Nestor Machno Rache an den Kolonisten für deren Zusammenarbeit mit deutschen Stellen. Der Terror und die Gesetzlosigkeit erreichten ein solches Ausmaß, daß sogar die Mennoniten im bewaffneten Selbstschutz kämpften. Im Laufe der Jahre 1919 und 1920 wurde die Südukraine dreimal von den Weißen erobert und wieder an die Roten verloren, und jeder Angriff brachte Verwüstungen mit sich. Zerstörungen durch den Bürgerkrieg und Epidemien, die ihm folgten, sowie die andauernde Schwächung der Kolonien durch die Zwangsablieferungen während der Zeit des Kriegskommunismus (1918-1921) führten zu einem starken Rückgang der Saatflächen. Die widrigen Witterungsverhältnisse und die rücksichtslose Ablieferungspolitik der Verwaltung der „Arbeitskommune der Deutschen des Wolgagebietes“ ließen aus der Mißernte des Jahres 1920 eine Hungerskatastrophe in den Jahren 1921/1922 werden. Allein in den Wolgakolonien sind 1921 mehrere zehntausend Menschen verhungert, über 74.000 sind ausgewandert. Nach amtlichen Angaben verloren die Wolgakolonien 1921 durch die Hungersnot und die Auswanderung 26,5% ihrer Bevölkerung. Das Land erholte sich in den nächsten Jahren dank staatlicher Hilfe, besserer Ernten und vor allem wegen der liberalen „Neuen Ökonomischen Politik“. Das autonome Gebiet hatte aber auch von Anfang an eine politische Rolle zu spielen. Es sollte den deutschen und Österreichischen Sozialdemokraten den Weg der sozialistischen Umgestaltung zeigen. Als die Spannungen in Deutschland im Herbst 1923 zu Unruhen führten, wurde das autonome Gebiet sogar zu einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen erhoben. Diese Umwandlung entsprach, der Aussage einer 1926 im Staatsvertrag der Wolgarepublik erschienenen Arbeit zufolge, „nicht nur den inneren Aufgaben und dem wachsenden politischen Selbstbewußtsein der Bevölkerung, sondern auch dem außerordentlichen Interesse an dem Schicksal der Wolgadeutschen in Deutschland, wo die politische Ereignisse des Winters 1923/1924 zu einer siegreichen Vollendung der proletarischen Revolution zu führen schienen“. Die Erhebung des Autonomen Gebietes zur Autonomen Republik und die Annahme einer Verfassung am 31. Januar 1926 waren zweifellos wichtige Ereignisse der sowjetischen Nationalitätenpolitik in bezug auf die deutsche Minderheit im Lande. In den deutschen Kolonien wurde Deutsch wieder Amtssprache und neben Russisch und Ukrainisch auch Amtssprache der Republik. Deutsche Ortsnamen, die 1914 durch andere ersetzt worden waren, wurden wieder amtlich eingeführt. Die Bedeutung dieser Neuerungen für die Bevölkerung war groß. Sie haben den Menschen die Hoffnung auf eine gute Zukunft wiedergegeben. In der Republik wurden Schulen und Bibliotheken, in der Marxstadt, der früheren Katharinenstadt, ein pädagogisches und später ein industrielles Technikum, in Krasny Kut ein landwirtschaftliches und in Balzer ein textilkundliches Technikum eröffnet. Ende der 1930er Jahren hatte die Republik bereits fünf Hochschulen und elf Fachhochschulen. Ferner gab es ein deutsches Nationaltheater, ein Kindertheater, einen Staatsverlag und deutschsprachige Zeitungen. Der Staatsverlag der Wolgarepublik verlegte allein in den Jahren 1933 bis 1935 555 deutsche Titel. Auch wenn ein Teil davon Übersetzungen russischen Propagandamaterials war, entstand doch eine deutschsprachige schöngeistige Literatur, deren Fehlen sich nach 1941 schmerzlich bemerkbar machte. Die Wolgarepublik war indessen nicht das einzige deutsche Gebiet innerhalb der Sowjetunion. Im Jahre 1933 gab es außerdem noch zehn deutsche Rayons (Landkreise) und etwa 300 deutsche Dorfräte in national gemischten Landkreisen. Die meisten der deutschen Rayons, deren Zahl zeitweise noch gestiegen war, befanden sich auf dem Gebiet der Ukrainischen Sowjetrepublik und umfaßten die deutschen Kolonistenbezirke. Weitere deutsche Rayons gab es in Georgien und in der Russischen Föderation. Sie umfaßten die Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts dort gegründeten Tochterkolonien. In Westsibirien und im Altaigebiet etwa gab es 1927 64 deutsche Dorfräte, von denen 17 zu einem deutschen Rayon zusammengefaßt waren. Auch in diesen deutschen Rayons außerhalb der Wolgarepublik gab es eine Reihe von Fachhochschulen mit Deutsch als Unterrichtssprache sowie die deutsche pädagogische Hochschule in Odessa. Die Existenz der Autonomen Republik und der deutschen Rayons stärkten zweifellos das Nationalbewußtsein. Sie konnte aber die Bevölkerung nicht gegen staatliche Übergriffe schützen, denn die Autonomie beschränkte sich auf die Selbstverwaltung innerhalb eines autoritär regierten, sozialistischen Staates. Das wurde besonders mit dem Beginn der beschleunigten Kollektivierung der Landwirtschaft im Jahre 1928 sehr deutlich. Der Rückgang der Getreideablieferungen im Jahre 1928 sollten durch eine stark progressive Besteuerung wohlhabender Bauern und „freiwillige“, überhöhte Ablieferungsverpflichtungen ausgeglichen werden. Darüber hinaus wurden Dorfgemeinschaften im Sommer 1929 verpflichtet, ihre gesamten Getreideüberschüsse „freiwillig“ an die amtlichen Beschaffungsorgane zu einem Preis abzugeben, der nur 20% des Marktpreises betrug. Die Dorfräte, in denen wohlhabendere Bauern kein Stimmrecht mehr hatten, konnten bei Nichterfüllung der überhöhten Ablieferungsforderungen hohe Strafen verhängen. Im Wiederholungsfalle drohten mehrjährige Gefängnisstrafen oder die Verbannung. Diese Zwangsmaßnahmen trafen die deutschen Kolonisten der Ukraine und der Krim mit besonderer Härte, da hier der Anteil der sogenannten „Kulaki“ (Großbauern) sehr hoch war. Nach der Aussage des landwirtschaftlichen Sachverständigen bei der Deutschen Botschaft in Moskau, Otto Auhagen, waren aber nicht nur Wohlhabende von den Zwangsmaßnahmen betroffen. Binnen weniger Wochen fuhren rund 14.000 Kolonisten aus allen Landesteilen nach Moskau. Sie hofften, mit Hilfe der Deutschen Botschaft die Erlaubnis zur Auswanderung nach Kanada oder in irgendein anderes Land bekommen zu können. Trotz aller Bemühungen durften aber nur 5750 Deutsche auswandern. Die übrigen wurden, so Auhagen, „auf brutalste Weise zurücktransportiert, und viele von ihnen als angebliche Anstifter der Auswanderungsbewegung zu jahrelangem Gefängnis verurteilt“. Im Januar 1931 begann die erste Massenverschickung der bäuerlichen Oberschicht. Den Betroffenen wurde befohlen, sich mit ihren Angehörigen binnen 24 Stunden zur „Umsiedlung an einen neuen Wohnort“ bereitzuhalten. Von der Deportationswelle, die bis April dauerte, waren etwa 50.000 Deutsche betroffen. Dieser Schock führte zu einem allgemeinen Andrang in die Kollektive, deren Zahl in ganz Rußland zwischen dem 20. Januar und dem 10. März 1931 von 4,4 auf 15 Millionen anstieg. Wie stark der Druck auch auf die deutsche Kolonisten war, kann man daran sehen, daß die Wolgarepublik am 1.Juni schon zu 95% kollektiviert war. Diese überstürzte, gewaltsame Kollektivierung war von einem organisatorischen Wirrwarr begleitet. Die Abschlachtung von Spann- und Nutzvieh führte zu einem Absinken des Viehbestandes weit unter die Hälfte des Normalbestandes. Die Arbeitsmoral war trotz, oder gerade wegen der Zwangsmaßnahmen nahe Null und hatte einen katastrophalen Rückgang der Produktion zur Folge. Die Lage verschlechterte sich noch zusätzlich durch die Mißernte des 1932 und endete in einer schrecklichen Hungersnot, die nach Schätzungen westlicher Beobachter drei bis fünf Millionen Menschenleben kostete. Die Bevölkerung hatte kaum Zeit, sich von der Hungersnot zu erholen, da begann der große Terror, die „Säuberungen“ der Jahre 1936 bis 1939. Während in Schauprozessen prominente Gegner Stalins oder solche, die es hätten werden können, zum Tode verurteilt wurden, holten die Sicherheitsorgane Nacht für Nacht Männer der verschiedensten Gesellschaftsschichten ab. Sie wurden von Schnellgerichten, den sogenannten „Troiken“, stets für schuldig befunden und in Arbeitslager verschickt. Eine Gesamtzahl der Opfer des Terrors unter den Deutschen ist nicht bekannt. Angaben über die Verhaftungen in den einzelnen Dörfern und Bezirken lassen ihr Ausmaß erahnen: Mariendorf, Gebiet Dnepropetrowsk, bestand aus 42 Bauernhöfen; bis 1939 wurden alle 42 Familienväter abgeholt. Aus dem Kronauer Gebiet wurden in den Jahren 1921 bis 1941 852 Personen verbannt, davon 642 in unbekannte Richtung. Aus dem Gebiet Chortitza wurden in derselben Zeit 1456 Personen verbannt, davon 973 in unbekannte Richtung. In den seltensten Fällen kam einer dieser Männer wieder zu seiner Familie zurück. Die Betroffenen selbst und die historische Forschung haben bis vor kurzer Zeit angenommen, die hohen Verluste der Deutschen in der Sowjetunion durch die Säuberungen in den 1930-ger Jahren seien ein Zufall. Erst die Veröffentlichung einer Aussage von Professor Jevgenija Evelson brachte eine Erklärung für das gezielte Vorgehen gegen die Rußlandsdeutschen. Sie wurden bereits 1934 listenmäßig erfaßt. Professor Evelson, die an der Ausarbeitung der Erfassungsbogen beteiligt gewesen war, betont, das Zentralkomitee „hatte Ende 1934 die genauesten Angaben über die Zahl und die berufliche Beschäftigung aller in der Sowjetunion lebenden Deutschen vorliegen“. Die gesamte spätere geheimdienstliche Arbeit, die Repressionen, wurden anhand dieser Angaben durchgeführt. Diese Erfassung sei eine der Präventivmaßnahmen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland erfolgt. Der zweite Weltkrieg und die Deportation Nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges am 22. Juni 1941 waren die sowjetischen Behörden bemüht, angesichts des schnellen Vormarsches der Deutschen Wehrmacht möglichst viele Industrieanlagen, landwirtschaftlichen Maschinen, Viehherden und andere Güter nach Osten zu bringen. Hunderttausende Familienangehörige von Offizieren, Funktionären des Partei-, Staats und Sicherheitsapparates sowie Juden wurden ebenfalls evakuiert. Die Hauptphase der Deportation der deutschen Bevölkerung vollzog sich in der Zeit vom 10.Juli bis Ende Oktober 1941. Als erste wurden etwa 35.000 Deutsche von der Krim deportiert. In den Monaten Juli bis Oktober deportierte man etwa 100.000 Deutsche aus ukrainischen Gebieten östlich des Dnjepr. Daß diese Verschickung mit dem Schutz der Betroffenen nichts zu tun hatten, zeigt das Beispiel der Wolgadeutschen besonders deutlich. Im Juli wurden über alle Ortschaften der Wolgadeutschen eine totale Ausgangs- und Verkehrssperre verhängt, die Post- und Eisenbahnverbindungen unterbrochen und die Bevölkerung zum beschleunigten Einbringen der Ernte angehalten. Im August wurde unter der Leitung des „Spezialisten für Deportationen“, General Serow, das Gebiet der Wolgarepublik durch Verbände des Innenministeriums sowie durch Sondereinheiten umstellt und Verkehrsknotenpunkte besetzt. Am 16. und 17. August erfolgte die Mobilmachung der männlichen Bevölkerung im Alter von 15 bis 55 Jahren. Man nahm an, die Mobilisierten kämen zum Fronteinsatz, die Züge mit ihnen rollten jedoch nach Osten. In der zweiten Monatshälfte führten die Sicherheitsorgane mehrere Provokationen durch. Sowjetische Fallschirmspringer in deutschen Uniformen wurden in größerer Zahl über deutschen Dörfern abgesetzt und am nächsten Morgen von Suchtrupps aufgespürt. An anderer Stelle setzte man ebenfalls in deutsche Uniformen gekleidete Infanteristen in der Nähe von Saratow über die Wolga und ließ sie am Morgen des nächsten Tages von Abteilungen desselben Regiments gefangennehmen. Suchtrupps des NKWD, des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten, konnten mühelos Hakenkreuzfähnchen finden, die während der Vorbereitung des für 1940 geplanten Besuchs Hitlers in der Wolgarepublik von den sowjetischen Behörden an die Bevölkerung verteilt worden waren. Diese Vorfälle dienten als Beweise für die Unterstützung von „Spionen und Diversanten“ durch die deutsche Bevölkerung und führten zur sofortigen Verhaftung aller Führungskräfte der Wolgarepublik einschließlich der Regierungsmitglieder.Mehrere tausend Wolgadeutschen wurden binnen weniger Stunden erschossen. Am 30. August 1941 erschien im Organ des Gebietskomitees der kommunistischen Partei und des Obersten Sowjets der Wolgarepublik, „Nachrichten“, der Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen“. Darin hieß es: „Laut genauen Angaben, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter unter der in den Wolgarayons wohnenden deutschen Bevölkerung Tausende und Abertausende Diversanten und Spione, die nach den aus Deutschland gegebenen Signalen Anschläge in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons verüben sollen. Über das Vorhandensein einer solch großen Anzahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen hat keiner der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen, die Sowjetbehörden in Kenntnis gesetzt, folglich verheimlicht die deutsche Bevölkerung der Wolgarayons die Anwesenheit der Feinde des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht in ihrer Mitte. Um ein Blutvergießen im Falle von Diversionen zu vermeiden, hat das Präsidium des Obersten Sowjets es für notwendig gefunden, die gesamte deutsche in den Wolgarayons wohnende Bevölkerung in andere Rayons zu übersiedeln.“ Die anderen Rayons waren Nowosibirsk und Omsk, die Region Altai, Kasachstan und andere benachbarte Gebiete. Anfang September 1941 wurden in allen deutschen Orten Militäreinheiten zur „Überwachung von Ruhe und Ordnung“ verlegt und die Bevölkerung mußte innerhalb kurzer Zeit, vielerorts binnen weniger Stunden, zum Abtransport bereit sein. Zuvor waren die Steuern für das gesamte Jahr 1941 zu entrichten und das Eigentum gegen Quittung Sonderbevollmächtigten zu übergeben. Zwischen Mitte September und Ende Oktober wurden aus dem Gebiet der Wolgarepublik etwa 400.000 Deutsche deportiert. Beim Verladen in die Eisenbahnwaggons trennte man die restlichen Männer von ihren Familien und transportierte sie gesondert ab. Sie galten als Mobilisierte für die Arbeitsarmee. Die Frauen mit den Kindern und Greisen kamen nach wochenlanger Fahrt an ihren Bestimmungsorten an und wurden in Sondersiedlungen untergebracht. Hier mußten sie unter ständiger Aufsicht Schwerstarbeit leisten. Gleichzeitig mit den Wolgadeutschen deportierte man etwa 80.000 Deutsche aus den Gebieten Saratow, Stalingrad, Astrachan, Moskau und Kujbyschew sowie 25.000 aus den Republiken Georgien und Aserbaidschan nach Sibirien und Zentralasien. In den Jahren 1942 bis 1944 wurden nochmals etwa 50.000 Deutsche aus kleineren Siedlungsgebieten, darunter etw 26.000 aus der Nähe von Leningrad, nach dem Osten deportiert. Die Transporte erfolgten in überfüllten Waggons ohne ausreichende Wasser- und Lebensmittelversorgung und ohne ärztliche Aufsicht. Die Verluste unter den Verschickten werden auf etwa 30% geschätzt, das heißt, allein in den Monaten der Deportation sind etwa 250.000 Deutsche ums Leben gekommen. Wie hoch die Verluste bis zur Befreiung aus den Sondersiedlungen im Jahre 1956 insgesamt waren, ist nicht bekannt, aber jede Familie hatte in dieser Zeit den Tod von Angehörigen durch Hunger, Krankheiten und unzählige Arbeitsunfälle in Wäldern und Bergwerken zu beklagen. Am 13. Dezember 1955 erließ das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR das Dekret „Über die Aufhebung der Beschränkungen in der Rechtsstellung der Deutschen und ihrer Familienangehörigen, die sich in den Sondersiedlungen befinden“. Darin hieß es: „In Anbetracht der Tatsache, daß die bestehenden Beschränkungen in der Rechtsstellung der deutschen Sondersiedler und ihrer Familienangehörigen, die in verschiedene Rayons des Landes verschickt wurden, in Zukunft nicht weiter notwendig sind, beschließt das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR: 1. Deutsche und ihre Familienangehörigen, die in der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges in eine Sondersiedlung verschickt worden sind, sind aus der Zugehörigkeit zu dieser zu entlassen und von der administrativen Kontrolle der Organe des MWD (Abkürzung für Ministerium des Inneren) zu befreien. Das gleiche gilt für deutsche Bürger der UdSSR, die nach ihrer Repatriierung aus Deutschland in eine Sondersiedlung eingewiesen worden sind. 2. Es wird festgestellt, daß die Aufhebung der durch die Sondersiedlung bedingten Beschränkungen für die Deutschen nicht die Rückgabe des Vermögens zur Folge hat, das bei der Verschickung konfisziert worden ist; ferner, daß sie nicht das Recht haben, in die Gegenden zurückzukehren, aus denen sie verschickt worden sind.“ Dieses Dekret wurde nur im Bulletin der laufenden Gesetzgebung der UdSSR für die Justiz- und Gerichtsorgane“ mit dem Vermerk „Nicht zur Veröffentlichung in der Presse“ abgedruckt. Die Betroffenen selbst erfuhren von seiner Existenz erst im Jahre 1964, als sich ein anderes Dekret auf dieses bezog. Der Vollzug des Dekretes vom 13. Dezember 1955 erfolgte aber unverzüglich. Ab der zweiten Dezemberhälfte begann man in den verschiedenen Gebieten die Sondersiedlungen aufzulösen. Den Insassen wurden Bescheinigungen über ihre Entlassung ausgestellt. Zuvor mußte jedoch jeder schriftlich erklären, daß er nicht in sein Heimatgebiet zurückkehren und keinerlei Entschädigung für beschlagnahmtes Eigentum fordern werde. Diese Bescheinigung war zur Vorlage beim Paßamt bestimmt und mußte dort abgegeben werden. Spätaussiedler berichten aber auch, daß es in manchen Sondersiedlungen keine Entlassungsbescheinigungen gab. Sie mußten lediglich die Verzichtserklärungen unterschreiben und bekamen in einer der nächsten Nächte, nach der Rückkehr von der Waldarbeit, den Paß ausgehändigt. Wenige Monate später wurden die ersten Pässe wieder eingezogen. Sie gewährten ohnehin nur eine Bewegungsfreiheit, die kaum über die Einschränkungen der Sondersiedlung hinausging. Der zweite Paß enthielt diese Einschränkungen nicht mehr. Die Verzichtserklärung blieb aber in Kraft. Die aus Deutschland Deportierten verfolgten diese Veränderungen mit besonderem Interesse, da zu dieser Zeit Gerüchte die Runde machten, bald werde man die deutschen Staatsangehörigen, die sie ja waren, nach Westdeutschland entlassen. Diese Gerüchte bekamen zusätzliche Nahrung, als am 11. März 1956 in der „Prawda“ die Verbalnote der Sowjetischen Botschaft in Bonn veröffentlicht wurde, in der die UdSSR mit Bezug auf die Moskauer Verhandlungen die Repatriierung sowjetischer Staatsangehöriger aus dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland forderte. Am nächsten Tag veröffentlichte die sowjetische Nachrichtenagentur TASS den Wortlaut der Ansprachen des deutschen Botschafters Dr. Haas und des sowjetischen Staatspräsidenten K. Woroschilow, die beide anläßlich der Übergabe des Beglaubigungsschreibens hielten. Jetzt hatte Deutschland wieder einen Botschafter in Moskau und Woroschilow sagte zu ihm u. a.:„Unserer Ansicht nach sind heute alle Voraussetzungen für gute freundschaftliche Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland gegeben.“ Die zweiten Moskauer Verhandlungen wurden durch Notenaustausch zwischen dem sowjetischen Außenministerium und der deutschen Botschaft in Moskau vorbereitet. Beide Seiten zeigten darin Interesse an Vereinbarungen über den Ausbau der Handelsbeziehungen. In der Repatriierungsfrage aber stellte sich die sowjetische Regierung auf den Standpunkt, daß die Adenauer gegebene Zusage durch die Entlassung der etwa 9600 Kriegsgefangenen erfüllt sei.Von der deutschen Botschaft vorgelegten Listen ausreisewilliger Deutschen wurden am 9. Juli 1956 in der Regierungszeitung „Izwestija“! als nicht korrekt abgelehnt, da diese „aus irgendeinem Grunde überwiegend Sowjetbürgern enthalten“. Botschafter Haas lud daraufhin am 1. August 1956 zu einer Pressekonferenz in die Botschaft ein. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete darüber am 3. August: „Botschafter Haas hat am Donnerstag westdeutschen Journalisten eine Kartei mit den Namen von 80.000 Deutschen gezeigt, die den Wunsch zur Rückkehr nach Deutschland ausgesprochen haben.“ Nachdem der sowjetische Außenminister Gromyko am Vortag behauptet hatte, in der Sowjetunion gäbe es keine deutschen Staatsbürger mehr, die repatriiert werden wollen, wurde die Kartei im Keller der Botschaft gezeigt. Die Sowjetregierung erkannte aber die deutsche Staatsangehörigkeit der in der Kartei enthaltenen Personen nicht an und behauptete, es handle sich dabei um sowjetische Bürger. Botschafter Haas wies bei dieser Gelegenheit die Behauptung Gromykos zurück, daß das Problem der Repatriierung nicht existiere. Haas sagte: „Ich glaube wohl, daß in den Augen der Sowjetregierung das Problem der Repatriierung nicht besteht, aber es existiert in den Herzen zehntausender Deutscher, die bei unserer Regierung um Repatriierung nachgesucht haben, weil sie sich als deutsche Staatsbürger betrachten“. Zur Zahl der Repatriierungswilligen sagte Haas, es hätten bereits mehr als 100.000 Deutsche aus verschiedenen Teilen der Sowjetunion die Botschaft brieflich oder mündlich um Repatriierung gebeten .Es seien aber bislang erst 80.000 dieser Anträge in die Kartei aufgenommen; mehrere tausend aber seien noch nicht bearbeitet oder zur Überprüfung nach Bonn geschickt worden. Durch diese Pressekonferenz erfuhr die Weltöffentlichkeit Näheres über die Zahl der Repatriierungswilligen, und Botschafter Haas wurde deswegen in einem Artikel der Parteizeitung „Prawda“ vom 15. August 1956 scharf angegriffen. Ein Ergebnis konnte dennoch erreicht werden: Am 16. August bekamen die ersten tausend Repatriierungswilligen die Genehmigung zur Ausreise. Für die etwa 250.000 Rußlandsdeutschen, die während des Krieges im Deutschen Reich eingebürgert und nach Kriegsende in die Sowjetunion deportiert wurden, konnte dieses Ziel nicht erreicht werden. Im Hinblick auf diese Personengruppe erklärte sich die Sowjetunion nur zur Zusammenführung von durch den Krieg getrennten Familien bereit, wie dies auch in der Resolution der Rotkreuzkonferenz im Jahre 1952 in Toronto vereinbart worden war. Die Ausreiseanträge würden für diese Familien, den sowjetischen Gesetzen entsprechend, wohlwollend bearbeitet werden. Die Repatriierung sollte bis Ende 1959 abgeschlossen sein. Das Abkommen darüber trat aber erst am 24. April 1959 in Kraft. Der Leiter der deutschen Delegation bei den Verhandlungen in Moskau, Sonderbotschafter Rolf Lahr, hat in einem privaten Brief über den Abschluß dieser Verhandlungen geschrieben:„Natürlich ist die Freude in der Delegation groß - wir haben nicht umsonst acht Monate in Moskau ausgeharrt, und das Ergebnis stellt das Maximum des Erreichbaren dar. Um die unverdientermaßen geringschätzig genannten ‚Beutedeutschen’ tut es mir leid; ich habe gesehen, wie viele der unglücklichen Wolga- und sonstigen Rußlandsdeutschen, meist prächtige Menschen, nach mehrtägigen Reisen unter großen Opfern nach Moskau gekommen sind, um die Botschaft, deren Betreten für sie eine gefährliche Sache ist, anzuflehen, sie nicht zu vergessen. Diese im Stich zu lassen, ist bitter, obwohl für sie von Anfang an kaum Hoffnung bestand..."Die mündliche Erklärung zur Repatriierungsfrage vom 8. April 1958 und der Resolution der Rotkreuzkonferenz im Jahre 1952 in Toronto bilden bis heute noch die Grundlage für die Auswanderung im Zuge der Familienzusammenführung. Als entscheidend hat sich dabei der Einfluß der politischen Großwetterlage und der jeweilige Stand der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion erwiesen. So lag die Aussiedlerzahl (Reichsdeutsche, Memelländer und Vertragsumsiedler ausgenommen) von 1959 bis 1970 nur dreimal über 250 Personen pro Jahr. Nach Abschluß des Moskauer Vertrages vom 12. August 1970 stiegen die Aussiedlerzahlen rasch und erreichten 1976, dem Jahr nach der Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki, mit 9652 Personen ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Entspannungspolitik hatte zu dieser Zeit den Zenit bereits überschritten, der KSZE-Prozeß versprach für die Sowjetunion keine Erfolge mehr, und die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen führten von der Politik der Verständigung zum gegenseitigen Mißtrauen. Das hatte auch einen starken Aussiedlerrückgang zur Folge. Im Jahre 1980 kamen aus der UdSSR 6910, 1981: 3773, 1982: 2071, 1983: 1447, 1984: 910 und 1985:460 Umsiedler in die Bundesrepublik Deutschland. Mit dem Rückgang der Aussiedlerzahlen wurde der Druck auf die Ausreisewilligen verstärkt. Es wurden zahlreiche Lohnkürzungen, Entlassungen von der Arbeit, Relegationen aus Hochschulen und Geldstrafen bekannt. Zwischen 1972 und 1985 wurden mindestens 79 Ausreisewillige zu Gefängnis- und Lagerhaft verurteilt. Die Ausreisewilligen demonstrierten wiederholt vor der Deutschen Botschaft, auf dem Roten Platz in Moskau und in ihren Wohnorten für das in der KSZE-Schlußakte verbrieftes Recht auf freie Ausreise. Andere Formen des Protestes waren die gleichzeitige Rückgabe der sowjetischen Inlandspässe von mehreren hundert Personen, Fluchtversuche in das Ausland und Hungerstreiks. Das Deutsche Rote Kreuz und prominente Politiker verschiedener Parteien setzten sich in der Vergangenheit immer wieder für die Ausreisewilligen ein. Eine spürbare Veränderung gab es erst nach dem Amtsantritt des Generalsekretärs M. Gorbatschow. Während einschließlich der Memelländer in den Jahren 1950 bis 1984 insgesamt 93.901 Personen als Aussiedler aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik kamen, waren es im Jahre 1987 etwa 15.000. Im Jahre 1988 verdoppelte sich diese Zahl. Und in dem Jahr 1990 stieg diese Zahl, das erste Mal in der Nachkriegsgeschichte über 100.000 Personen. Wer noch vor kurze allzu große Hoffnungen bezüglich einer deutschen Autonomie in der UdSSR gehegt hat, ist inzwischen eines Besseren belehrt worden. Keinesfalls darf die Frage der Deutschen in Rußland auf die letzten 74 Jahre reduziert werden. Das hier in gekürzter Form wiedergegebene Buch von Dr. Alfred Eisfeld gibt hierüber Aufschluß: Vor 200 Jahren wurden die Deutschen nicht aus Mitleid nach Rußland geholt, sondern zur Besiedelung und Kultivierung des in kriegerischen Handlungen neu gewonnenen Landes, um Getreide anzubauen und damit die russische Bevölkerung besser zu ernähren. Überschüsse sollten im Ausland zu verkauft werden. Die Rechnung der Zaren ging auf, und mit neuen deutschen Siedlern rollten neue russische Rubel. Die Siedler steuerten eigentlich einer goldenen Zukunft entgegen, sollte man meinen! Der Wohlstand der Deutschen wurde jedoch zu einem Dorn in den Augen der herrschenden Schicht Rußlands und es galt, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit das zu ändern. Die Kriege haben diese Gelegenheit geliefert. Die Sowjetregierung vollendete nur das, was schon viel früher von den Slawophilen unter dem Zaren Nikolaus dem II. begonnen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg verweigerte man den Rußlandsdeutschen die Ausreise nach Deutschland mit fadenscheinigen Argumenten wie „zu ihrem eigenen Schutz vor dem kapitalistischen System“. Man entzog ihnen hiermit aber auch das Grundrecht jedes Volkes, in der angestammten Heimat zu leben. Unter Gorbatschow kam die Wiederherstellung der Autonomie wieder ernsthaft ins Gespräch. Dabei haben nicht nur humanitäre Gründe im Vordergrund gestanden, sondern das gleiche Streben nach Profit wie bei früheren Herrschern im Kreml. Man könnte ja damit gleich mehrere für Rußland positive Entwicklungen erreichen: Die Beziehungen zu Bonn normalisieren, deutsches Kapital erhalten, den deutschen Fleiß ausnützen und die Perestrojka stärken. Leider haben aber das Militär, der KGB und die orthodoxen Kommunisten anderes im Sinn. Inzwischen ist sehr viel Wasser die Wolga hinuntergeflossen. Eine deutsche Autonomie hat man fallen lassen, nach der Devise: „Bleibt da, wo ihr seid, und trübt das nationale Wasser nicht.“ So ist mal wieder das Menschliche mit seinen Sorgen, Wünschen und Nöten auf der Strecke geblieben. Die Hoffnungen, der Rußlandsdeutschen auf die Perestrojka und die Lösung ihrer hauptsächlicher Probleme - Wiederherstellung der Gerechtigkeit, Wiedererrichtung der Wolgarepublik und der Autonomen Kreisen, die mit der Rettung vor dem unweigerlichen Untergang der Muttersprache und der deutschen Kultur auf das Engste verbunden sind, haben sich nicht erfüllt. Wenn in allernächster Zeit keine einschneidenden Maßnahmen eingeleitet werden, wird die deutsche Sprache mit dem natürlichen Abtreten der älteren Generation bereits zu Beginn des nächsten Jahrhunderts aussterben. Und mit der Sprache verschwindet ein Volk von der Bildfläche. Vor dieser Gefahr entsteht im Unterbewußtsein der Instinkt der Selbsterhaltung, der zwei Alternativen zur Überwindung der Krise aufzeigt: Entweder die Wiedererrichtung der autonomen Republik, die dann erneut zu einem Vaterhaus für die über das ganze Land zerstreuten Deutschen werden würde, oder die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland, in der die Kinder und Enkel der Rußlandsdeutschen wieder zurückfinden würden zu den verlorenen nationalen Werten. Diesen Standpunkt vertritt zur Zeit auch die Mehrheit der Mitglieder der Gesellschaft der Deutschen in der UdSSR „Wiedergeburt“. Sie vertritt diesen Standpunkt, weil die Rußlandsdeutschen der Meinung sind, daß die Lösung der Frage über eine Wiederherstellung der nationalen Staatlichkeit in den Händen der zentralen Machtorgane konzentriert ist und vollständig von dem politischen Willen der Leitung des Landes abhängt. Nicht nur in den Kreisen der deutschen Öffentlichkeit hat sich die Überzeugung festgesetzt, daß die antideutsche Kampagne an der Wolga mit dem stillen Einverständnis und der Gutheißung Moskaus gestartet wurde. Die faktisch von den Machtorganen im Saratower Gebiet provozierte Kampagne des „Widerstandes der Bevölkerung“ wurde als Begründung der These von einer Unmöglichkeit der Wiederherstellung der Republik der Deutschen an der Wolga in der gegenwärtigen Zeit angegeben. Einen dementsprechenden Brief schickten im Frühjahr 1990 die Sekretäre des ZK der KPdSU, A. Girenko und G. Usmanow, der Vorsitzende des Nationalitätenrates des Obersten Sowjets der UdSSR, R. Nischanow, und der Vorsitzende der Staatlichen Kommission zu den Problemen der Sowjetdeutschen, B. Gussew, an den Obersten Sowjet der UdSSR. Sich auf höchst zweifelhafte Schlußfolgerungen stützend und die rechtmäßigen Forderungen der deutschen Bevölkerung und deren Vertreter ignorierend, schlug das ZK der Kommunistischen Partei einen „dritten Weg“ zur Lösung der Frage - die Gründung einer „interterritoriellen“ Assoziation - vor. Diese Idee wurde entschlossen von der Konferenz der Gesellschaft „Wiedergeburt“ abgelehnt. Nun ist sie zurechtfrisiert und soll als Kulturselbstverwaltung der Deutschen in der UdSSR verwirklicht werden. Zur gleichen Zeit vertritt aber die Leitung der „Wiedergeburt“ den Standpunkt, daß das von „oben“ geschaffene Projekt die Wiederholung der gleichen Assoziation ist. Modernisiert und Staatscharakter tragend (Selbstverwaltung) gereicht sie keinesfalls zu einer Wiederherstellung der Autonomie, im Gegenteil, sie würde sie ein für allemal blockieren. Da sich die Machtorgane einer Wiedererrichtung der deutschen Staatlichkeit entgegenstellen, möchten sie aber andererseits nicht zulassen, daß das Land ein Strom von „arbeitsamen und disziplinierten“ Deutschen verläßt. Wahrscheinlich legt man sich darüber keine Rechenschaft ab, wie unmoralisch tief gesunken eine Politik ist, die einerseits nichts geben und anderseits die Menschen nicht gehen lassen will. Eine Novität dieser menschenunwürdigen Taten war kürzlich der Erlaß des Ministerrates der RSFSR über die Erhebung von Gebühren für für die Emigration in der Höhe von 1000 bis 3000 Rubeln. Der Erlaß wurde nach dem Treffen zwischen Premierminister Silajew und Bundeskanzler Kohl am Anfang des Jahres 1991 angenommen. TASS zufolge ist sogar von einem gemeinsamen Aufruf an die Deutschen in der Sowjetunion die Rede gewesen, nicht die UdSSR zu verlassen. Besonders kennzeichnend ist, daß gerade darin eine neue Tragödie zu sehen ist, denn in dem Bestreben, die Deutschen in der UdSSR zu halten, sind sich Präsident Gorbatschow und Bundeskanzler Kohl einig geworden. Bundeskanzler Kohl spricht nun nicht mehr von einer Verletzung der Menschenrechte bei einer freien Ausreise aus der UdSSR, stellt auch nicht die Frage nach einer Familienzusammenführung, sondern ersucht nur darum, den russischen Deutschen „ein gutes Zeichen“ in Bezug auf ihre Zukunft in der UdSSR zu geben. Michail Gorbatschow versteht bestens, daß die Rußlandsdeutschen in der Bundesrepublik nicht mehr erwünscht sind. Deshalb schweigt er und nimmt weiterhin einen negativen Standpunkt gegenüber den Forderungen „seiner“ Deutschen nach einer Wiederherstellung der Autonomie ein. Die Realität aber besagt, daß das Schicksal und die Zukunft von zwei Millionen Deutschen, wie schon oft, auf den Opfertisch den hohen „staatlichen Interessen“ gelegt werden. Zur selben Zeit haben eine Million Deutsche in der UdSSR sich nun endgültig davon überzeugt, daß die Machtorgane weder den Willen, noch den Wunsch nach einer Wiederherstellung der Gerechtigkeit an den Tag legen. Sie hoffen auf den guten Willen von Regierung und Volk des Landes, das ebenfalls die Greuel eines totalitären Regimes miterlebt hat und sich aus diesem Grunde besonders um das Schicksal der Landsleute aus der UdSSR kümmern müßte, die faktisch Flüchtlinge in einem Land geworden sind, dessen sowjetisches System auch die Perestrojka nicht zu zerbrechen vermag. Es bleibt nur zu hoffen, daß die Deutschen in der UdSSR nicht schon wieder in ihrer Hoffnung bitter enttäuscht werden, wie schon so oft in den letzten hundert Jahren.Quellenverzeichnis:1. Eckartschriften, Heft 97. Wien, im März 1986 „Die Deutschenin Rußland und in der Sowjetunion“ Alfred Eisfeld2. Informationen zur politischen Bildung 222, Neudruck 1989"Aussiedler“ Herausgeber: Bundeszentrale für politische BildungBerliner Freiheit 7, 5300 Bonn3. Aus der Zeitschrift "Volk auf dem Weg“ Nr.4, April 1991 - Fromme Wünsche und harte Realitäten, Wendelin Schlosser - "Gegen einen dritten Weg“, Gerhard Wolter, Lettland Herausgeber: Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V, Bergstraße 49, 7000 Stuttgart 1, Tel. 0711/2623417 (2623427)