Leserartikel-Blog

Welche Schulpflicht brauchen wir?

Wenn es um eine für Homeschooling-Modelle offene Schulpflicht geht, geht es natürlich nicht um weniger Bildung, um weniger Gerechtigkeit oder um weniger gesellschaftliche Teilhabe. All das stellt mit der in anderen Ländern üblichen Art der Schulpflicht überhaupt kein Problem dar. In Deutschland haben wir es mit einer seit dem Dritten Reich zu einem Schulzwang deformierten Schulpflicht zu tun. Schulbesuch wurde zum Zwang und unter Straf- und Zwangsmaßnahmen forciert.

Schulpflicht wird seitdem als traditioneller Begriff missbraucht, um so beschönigend ein leicht zu missbrauchendes Werkzeug für einen Staat an der Hand zu haben, um staatliche Aufgaben wie Integration, Konformität, Anpassung etc. von klein auf erziehen zu können. In diesem Zusammenhang ist der Begriff „staatlicher Erziehungsauftrag“, wie er selbst von deutschen Verfassungsrichtern verwendet wird, ohne dass sich in irgendeinem Gesetz Legitimation dafür findet, verräterisch.

Ohne elterliche Delegierung an eine staatliche Einrichtung kann und darf es keinen eigenen staatlichen neben den natürlichen Erziehungsaufträgen geben. Wo soll ein solcher Auftrag, der nicht subsidiär, d.h. aushilfshandelnd für den Bürger und in sich selbst besteht, herkommen? Der zur Zeit staatlich angemaßte Auftrag des Staates ist nicht der Gerechtigkeit bedürftiger Kinder dienend, sondern ein Skandal. Ich schäme mich dafür und diese Art der staatlichen Ermächtigung gibt es in keinem Land der freien Welt.

Die entsprechenden Schulgesetze wurden nach dem Krieg in die Länder übernommen und haben ihren wesentlichen Wortlaut bis heute nicht verloren. Schlimmer: Allgemein gestiegene Leistungsanforderungen im Bildungsbereich sorgen in Deutschland dafür, dass alle Kinder und Jugendlichen ohne Rücksicht auf individuelle Unterschiede fatal in ein System gezwungen werden, das sie zur Erfüllung der Pisa- und Planziele immer noch mehr Stunden täglich und immer weitere Jahre absitzen lässt.

Der wohlklingende Name Schulpflicht kommt in der deutschen Verfassung, dem Grundgesetz, gar nicht vor. Dort steht das ganze Schulwesen unter staatlicher Aufsicht und das ist auch gut so. Für den Fall aber, dass das Schulsystem einzelne unterfordert, Zeit stiehlt oder inhaltlich, konzeptionell oder individuell einfach nicht passt, haben Eltern in anderen Ländern gangbare Alternativen zu guter Bildung ohne Schulbesuch entwickelt. Dabei gibt es meist mehr Raum und Freiheit für gesellschaftliches Engagement, gemeinschaftliches Miteinander oder gemeinsame Aktivitäten als für Schulkinder.