Leserartikel-Blog

Die Dummheitsvermutung

Politik und Medien neigen in der öffentlichen Kommunikation dazu, ihren Adressaten eine relativ geringe geistige Kompetenz zu unterstellen. Dies hat nicht nur Wut und Politikverdrossenheit zur Folge, sondern könnte auf gesamtgesellschaftlicher Ebene auch als selbsterfüllende Prophezeiung wirken. Stellt man dies in Rechnung, lenkt die gut gemeinte Forderung, in der politischen Auseinandersetzung über "Inhalte" zu diskutieren, von einem tieferliegenden Problem ab - denn bevor man überhaupt zu Inhalten kommen kann, muss erst einmal die Form der Auseinandersetzung stimmen.

Als ich zum ersten Mal über das Kürzel ZugErschwG stolperte, hatte ich keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Parodie handeln musste. Eine Parodie auf das Gesetz über die Einrichtung von Internetsperren gegen Kinderpornographie, die, wie man ja wusste, den Austausch von Kinderpornographie nicht verhindern würden, von ihrer Produktion ganz zu schweigen. Diese Unwirksamkeit des Gesetzes fand ich in der Bezeichnung Zugangserschwerungsgesetz, die in der amtsdeutschen Kurzform ZugErschwG noch lächerlicher wirkte, treffend ausgedrückt: Die betreffenden Seiten würden nicht aus dem Internet entfernt, sondern nur der Zugang zu ihnen - nein, nicht verhindert, sondern lediglich erschwert. Von welcher Qualität die gemeinte Zugangserschwerung ist, kann bekanntlich jeder, der sich 27 Sekunden Zeit nimmt, bei YouTube bestaunen.

Wie wir jedoch alle wissen, war ich einem fatalen Irrtum aufgesessen; das Gesetz wurde mit genau diesem Namen verabschiedet und soll nun spätestens im Oktober in Kraft treten. Obwohl aber anscheinend die meisten der zustimmenden Bundestags- und Bundesratsmitglieder nicht gemerkt haben, an welchem groben politischen Unfug sie sich da beteiligten, wurde das Gesetz alles andere als unbemerkt verabschiedet. Die in zahlreichen Blogs formulierte, über Plattformen wie Twitter verbreitete und gelegentlich sogar bei traditionellen Medien angekommene, vernichtende Kritik an dem Gesetz, die erfolgreiche Petition von Franziska Heine und der Zulauf für die Piratenpartei zeigen deutlich, dass eine Bewegung enstanden ist, mit der die Gesetzesinitiatoren um Frontfrau von der Leyen nicht gerechnet hatten.

Der Konflikt zwischen dieser Bewegung und der Politik ist aber nur ein Kristallisationspunkt größerer, umfassenderer Konfliktlinien, die teilweise bereits benannt und beleuchtet wurden, etwa derjenigen zwischen Internet-Eingeborenen und -Ausdruckern, der wiederum Züge eines Generationenkonflikts trägt, und derjenigen zwischen sicherheitsstaatlichen und bürgerrechtlichen Interessen. Ich möchte hier einen weiteren dieser umfassenderen, weit über die Bedeutung der Netzsperren hinaus relevanten Konflikte diskutieren: den Konflikt zwischen den gesellschaftlichen Trägern der Dummheitsvermutung und dem - noch viel zu seltenen - Aufbegehren gegen sie.

Die Dummheitsvermutung ist die häufig öffentlichen Kommunikationsakten zugrundegelegte Annahme, die Adressaten seien dumm - wie dumm, ist unterschiedlich, aber jedenfalls dümmer, als sie sind. Die Dummheitsvermutung gilt wie die Unschuldsvermutung jeweils bis zum Beweis des Gegenteils. Doch während die Unschuldsvermutung die gesellschaftlich nützliche Funktion erfüllt, nicht nur Verdächtige vor Vorverurteilungen zu schützen, sondern auch Nichtverdächtige vor einem Klima des allgemeinen Misstrauens, leistet die Dummheitsvermutung einem solchen allgemeinen Misstrauen Vorschub - nur dass der Verdacht ein anderer ist. Die Dummheitsvermutung wirkt als gegenseitige soziale Kontrolle, die gewährleistet, dass jeder einzelne möglichst oft hinter seinem Potential zurückbleibt. Sie verhindert ein Entkommen der Gesellschaft aus der selbstverschuldeten Geistlosigkeit und Mittelmäßigkeit.

Die Dummheitsvermutung in Medien und Politik

In seinem Buch "Man schreibt Deutsh", das als Sprach- und Stilkritik anfängt und als ausgewachsene Gesellschaftskritik aufhört, beschreibt Stefan Gärtner unter Rückgriff auf die Ahnen der Neuen Frankfurter Schule den Anteil der Medien an der Durchsetzung und Aufrechterhaltung dessen, was ich die Dummheitsvermutung nenne:

Wer also über Sprachkatastrophik klagt, über den umfassenden Hang zum Kurzen, Knackigen und Marktschreierischen (...), aber auch zum Eitlen, Anbiedernden und Marktgerechten, zum insgesamt Gedankenlosen und Kritikfeindlichen, der darf zu der Einsicht gelangen, dass das alles schon sehr in der Ordnung sei, wo schon alles nur mehr "Reklame" (Adorno/Horkheimer) ist und nicht auf Erkenntnis noch Geist zielt, sondern auf Affekt und bunten Lärm setzt, auf "bunte Assoziation und glücklichen Unsinn": Der Konsument "soll keiner eigenen Gedanken bedürfen: das Produkt zeichnet jede Reaktion vor: nicht durch seinen sachlichen Zusammenhang - dieser zerfällt, soweit er Denken beansprucht - sondern durch Signale. Jede logische Verbindung, die geistigen Atem voraussetzt, wird peinlich vermieden" (dies.), sag ich ja.

Weiter zitiert er Hermann L. Gremliza:

Der Wettbewerb um die Gunst der Konsumenten zwingt die privatwirtschaftlichen Medien, alles zu unterlasssen, was die Instinkte und Vorurteile der Leser, Hörer und Seher stören könnte. Ja, um gar kein Risiko zu laufen, müssen sie immer noch ein Stück tiefer ansetzen. Axel Springer sieht das schon ganz richtig: Wer in diesem Business Erfolg haben will, darf nicht belehren, aufklären, fragen - er muss unterhalten, bestätigen, verdummen (S. 183-185).

Nun sprachen wir eingangs von Politik, während es hier um Medien geht - aber die Zusammenhänge zwischen beiden, gerade was das Verdummen der Inhalte betrifft, sind nicht schwer zu sehen. Denn die Medien bieten die Form, in der Politik der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, und dies wirkt auf die Politik zurück. Wenn ich als Politiker weiß, dass der Erfolg meiner Politik davon abhängt, wie sie in der medialen Öffentlichkeit erscheint, ist es naheliegend, Politik von vornherein so zu gestalten, dass sie für die mediale Aufbereitung gut geeignet ist, dass sie, wie man sagt, entsprechend "plakativ" ist.

Dies führt zurück zu "Zensursula" - eine Familienministerin, die die Botschaft aussendet, dass sie zum Schutz der Kinder den Zugang zu Dokumenten des Kindesmissbrauchs im Internet versperren will. Man sieht, die Botschaft kann in äußerster Kürze formuliert werden und man kann sich ihr kaum verschließen; für ein Stück politischer Reklame ist das perfekt. Dass es nicht so perfekt funktionierte, wie man sich das möglicherweise vorgestellt hat, liegt nun an zwei Bedingungen. Nicht nur an der ersten, dass es eine gewisse Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern gab, die nicht so dumm waren, dem beabsichtigten Affekt aufzusitzen und sich damit zu begnügen. Sondern genauso an der zweiten, dass diese Bürgerinnen und Bürger durch die Mittel, die ihnen das Internet zur Verfügung stellte, in der Lage waren, ihren Protest öffentlich zu artikulieren und sich Gehör zu verschaffen.

Man muss davon ausgehen, dass es nicht nur hier, sondern darüber hinaus bei einer Vielzahl von politischen Initiativen und journalistischen Berichten Gruppen von Bürgern gibt, die sich mit dem jeweiligen Thema gut auskennen und sich gegenüber dem Unsinn, der ihnen vorgesetzt wird, an den Kopf fassen (Internetvokabular: "facepalm"). Nur bleiben sie in den meisten Fällen ungehört - so wie der Protest gegen das ZugErschwG teilweise in Politik und traditionellen Medien sogar jetzt noch ungehört bleibt.

Die These lautet also erstens, dass Politik und Journalismus in der Regel tendenziell eine Dummheitsvermutung zugrundelegen und, mit dem obigen Zitat gesprochen, "immer noch ein Stück tiefer" ansetzen, und zweitens, dass sie nur deshalb damit durchkommen, weil eine gesellschaftliche Mehrheit sich einfach mit dem jeweiligen Thema nicht auskennt und die Minderheit, die entweder von Berufs wegen sachkundig ist oder sich aus Interesse die Zeit nimmt, sich zu informieren, nicht laut genug protestiert.

Frankfurts "Bullshit" und die Wut des politischen Subjekts

Wenn diese Doppelthese gewagt erscheint, lese man sich einmal die erschütternde Spiegel-Geschichte von Dirk Kurbjuweit über den Vorsitzenden der jungen Union, Philip Mißfelder, durch. Daraus:

"Ich habe kein Programm, keine Visionen", hat er einmal gesagt. Ein andermal: "Ich habe nie gesagt, dass ich die Welt verbessern will." Vor den Rentnern in Langen: "Ich schließe nicht aus, dass sich irgendwann mein Aufgabenspektrum deutlich erweitert." Bei einem Abendessen: "Ich bin Machtpolitiker."

Es gibt wohl keinen Politiker, der sich so schamlos zu seiner Inhaltsleere und seinen Machtträumen bekennt wie Philipp Mißfelder. Er ist Spezialist für Kommunikation, für nichts anderes. Inhalte sind seiner Ansicht nach für hinterbänklerische Spezialisten, für Beamte. Diese Arbeitsteilung gibt es schon länger, in Mißfelder findet sie ihre Zuspitzung.

Die Leere des Menschen könnte bald zu einer Voraussetzung für den Erfolg in der Politik werden. Wer viel weiß, neigt zu Überzeugungen, zu Festlegungen, zu Worten mit Anspruch auf Gültigkeit. Der Machtpolitiker jedoch braucht undeutliche Worte, Worte, die er abschütteln kann, sonst muss er ihnen ständig nacharbeiten wie Mißfelder dem Wort "Hüfte" oder Merkel ihren Leipziger Worten.

Ein Macht- und Karrierepolitiker also, der ganz und gar ohne inhaltliche Substanz auskommt. Zum Verständnis dieser seltsamen Strategie muss man sich an das erinnern, was Harry G. Frankfurt als "Bullshit" identifiziert und analysiert hat. Frankfurt schreibt über den "Bullshitter":

Anders als der aufrichtige Mensch und als der Lügner achtet er auf die Tatsachen nur insoweit, als sie für seinen Wunsch, mit seinen Behauptungen durchzukommen, von Belang sein mögen. Es ist ihm gleichgültig, ob seine Behauptungen die Realität korrekt beschreiben. Er wählt sie einfach so aus oder legt sie sich so zurecht, dass sie seiner Zielsetzung entsprechen (S. 63).

Dafür findet man insbesondere in der Werbung und in der Politik unendlich viele Beispiele. Wenn etwa ein Werbespot behauptet, dass ein bestimmtes Erfrischungsgetränk sexy sei, dann ist das weder die Wahrheit noch im engeren Sinne eine Lüge, sondern eben Bullshit, der zu den Tatsachen in keiner bestimmten Verbindung steht. Ähnlich, zum Beispiel, der Satz: "Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein" (siehe auch Verglichen mit dem Netz ist das Leben ein rechtsfreier Raum).

Natürlich können Bullshit, Wahrheit und Lüge auch beliebig kombiniert werden, um eine Agenda voranzubringen. Was am Bullshit in diesem Zusammenhang aber interessiert, ist die ihm innewohnende Annahme, dass man damit durchkommt. Jemandem Bullshit erzählen, heißt auch, ihn nicht für voll zu nehmen. Wegen seines diffusen oder nicht vorhandenen Tatsachenbezugs und wegen des Desinteresses des Bullshitters an der Wahrheit ist Bullshit in seiner Botschaft immer relativ vage, sagt mit vielen Worten (oder auch Bildern, Tönen, Gesten etc.) wenig. Er ist insofern denkfeindlich, da kritisches, nüchternes, investigatives Denken seine Inhaltsleere früher oder später durchschaut, was er natürlich nicht wollen kann. Er muss darauf setzen, dass die Adressaten eben nicht denken, er fordert sie - etwa durch den Appell an Affekte und Vorurteile - auf, nicht zu denken, und sofern er Mehrheiten hinter sich bringt, setzt er sogar Minderheiten unter Druck, nicht zu denken.

Aus diesem Umstand, dass der "Bullshitter" die Adressaten nicht für voll nimmt, erklärt sich die Wut, mit der viele im Fall "Zensursula" und in vergleichbaren Fällen ("Vodafail") reagieren. Wer den Bullshit mangels Sachkenntnis oder mangels Beschäftigung mit dem Sachverhalt nicht durchschaut, versteht diese Wut natürlich nicht und mag deshalb zu Erklärungen greifen wie den bekannten, die Wütenden seien irrational, hitzköpfig oder pubertär. Dabei ist die Wut höchst gesund. Wut, die daher rührt, dass man nicht für voll genommen wird, protestiert dagegen, dass keine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet, und hat das Ziel, eine solche herzustellen. Wer stattdessen den Bullshit zwar durchschaut, aber nicht wütend wird, der hat resigniert. Er wird nicht wütend, weil er ohnehin nicht (mehr) daran glaubt, dass Kommunikation möglich ist. Welche Variante in einer Demokratie eher wünschenswert ist, müsste eigentlich klar und Konsens sein.

Die Dummheitsvermutung als selbsterfüllende Prophezeiung

Gesamtgesellschaftlich betrachtet wirkt die allgemeine Dummheitsvermutung auf verschiedene Weise als selbsterfüllende Prophezeiung. Zunächst einmal tritt natürlich ein Gewöhnungseffekt ein. Die meisten Menschen finden beispielsweise Fernsehwerbung im Großen und Ganzen stumpfsinnig. Aber diejenigen, die regelmäßig fernsehen, empfinden es bald nicht mehr als nervtötend stumpfsinnig, sondern eben als normal stumpfsinnig. Nicht das Stumpfsinnige, sondern das Nichtstumpfsinnige wird als Ausnahme empfunden. Was die eigene Arbeit betrifft, führt dieses Empfinden gleichzeitig zu der Erwartung, dass man mit Stumpfsinnigem durchkommt.

Darüber hinaus ist es eine sozialpsychologische Binsenweisheit, dass die Wahrnehmung der eigenen Person seitens anderer Menschen auf die Selbsteinschätzung einwirkt. Und die Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten wirkt wiederum unmittelbar auf die tatsächliche Entwicklung dieser Fähigkeiten. Ein Experiment von Robert Rosenthal und Lenore Jacobson, dessen Ergebnisse 1968 veröffentlicht wurden, zeigt dies eindrucksvoll ("Pygmalion in the classroom: Teacher expectations and student intellectual development", New York). Die Forscher ließen Grundschüler eine Art Intelligenztest bearbeiten und nannten anschließend den Lehrern eine Reihe von Schülern, deren Testergebnisse angeblich gezeigt hätten, dass sie "Bloomers" seien - dass diese Schüler also "in Blüte" stünden und in unmittelbarer Zukunft erhebliche, überdurchschnittliche Lernfortschritte machen würden.

In Wahrheit hatte der Test nichts derartiges gezeigt, und die "Bloomers" waren einfach ausgelost worden. Doch siehe da: Am Ende des Schuljahres hatten sich ihre Leistungen in einem IQ-Test deutlich überproportional verbessert. Die Lehrer als nichtsahnende, aber wichtige Bezugs- und Autoritätspersonen hatten den betreffenden Schülern mehr Aufmerksamkeit gewidmet, sie mehr gefördert und ihnen mehr zugetraut - mit messbaren positiven Wirkungen. Dieses Ergebnis ist mehrfach repliziert worden, und es gibt ernstzunehmende Hinweise darauf, dass auch Geschlechterunterschiede etwa bei mathematischen Fähigkeiten durch solche Erwartungshaltungen auf Seiten des Erziehungspersonals bedingt sind. Was also die wahrscheinlichen Folgen sind, wenn Autorität A von vornherein davon ausgeht, Zögling B sei dumm, lässt sich denken. Und sowohl Politik als auch Medien sind wichtige Autoritäten, ob einem das nun gefällt oder nicht.

Dass man sein Potential generell eher ausschöpft und vergrößert, wenn ein Bisschen mehr von einem erwartet wird, als man aktuell kann, als wenn ständig weniger von einem erwartet wird, als man kann, wird vor allem an Säuglingen und Kleinkindern sichtbar - die größten Lernfortschritte unseres Lebens erzielen wir in den Jahren, in denen man uns ständig kognitiv überfordert. Man spricht zu Kleinkindern mit Worten, die sie nicht kennen, verwendet grammatikalische Strukturen, die für sie völlig kryptisch sind, und erklärt ihnen Zusammenhänge, die sie noch nicht verstehen können, und auf diese Weise lernen sie. Wenn man in der Kommunikation mit einem Kleinkind immer unterhalb dessen ansetzen würde, was ihm zuzutrauen ist, dürfte dieses Kind eine traurige Entwicklung nehmen. Nun sind wir natürlich als Staatsbürger und Medienrezipienten keine Säuglinge und Kleinkinder - wir haben nicht mehr deren Lernfähigkeit und bekämen wohl auch Probleme mit dem Selbstwertgefühl, wenn man uns ständig so maßlos überforderte. Gleichzeitig spricht aber auch nichts für die Annahme, dass sich das Prinzip bei Erwachsenen umkehren und Unterforderung als Stimulanz wirken könnte.

Nun würden sicherlich einige argumentieren, dass es nicht nur der Täuschung und dem Einlullen diene, wenn man bei öffentlichen Botschaften vorab das Niveau senkt. Es sei auch ein Dienst am Adressaten, könnte man sagen, der vielleicht weniger gebildet sei, aber doch einbezogen und nicht abgehängt werden solle.

Darauf ist zunächst einmal zu entgegnen, dass die Dummheitsvermutung wohlgemerkt nur eine Vermutung ist. Niemand weiß, was in den Köpfen von ein paar Millionen Fernsehzuschauern vorgeht oder auch nicht. Wir haben sicher alle schon einmal eine Fernsehumfrage gesehen, in der ein paar dämliche Antworten gegeben wurden - aber wir haben kein Recht, diese ein oder zwei Dutzend ausgewählten Antworten auf eine zweistellige Millionenbevölkerung zu verallgemeinern. Genaugenommen ist es sogar schon gewagt, uns anhand einer einzigen kurzen Antwort ein Urteil über die jeweilige Person zu bilden. Es kann also sein, dass die Mehrheit wirklich so dumm ist, wie wir denken, es kann sogar sein, dass sie noch dümmer ist. Und es kann aber auch sein, dass sie viel klüger ist. Sollten wir denn nicht, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, eher von letzterem ausgehen?

Es mag durchaus sein, dass einige Fernsehzuschauer umschalten, wenn sie etwas nicht verstehen (wie umgekehrt wahrscheinlich andere umschalten, wenn es ihnen zu dumm wird). Aber auch wenn es gewagt erscheinen mag, halte ich dem entgegen: Na und? Man muss nicht alles verstehen. Das ist schon deshalb nicht so gewagt, wie es klingt, weil man ja auch gar nicht alles verstehen kann. Doch die Bedeutung der Einsicht, dass man nicht alles verstehen muss, geht noch darüber hinaus.

Man muss nicht alles verstehen

Was das Verstehen eines Kommunikationsinhaltes betrifft, gibt es nicht nur die Alternative zwischen verstehen und nicht verstehen, sondern noch eine dritte Möglichkeit: das Falschverstehen. Das Falschverstehen unterscheidet sich vom Nichtverstehen dadurch, dass man beim ersteren glaubt, verstanden zu haben, beim zweiten aber weiß, nicht verstanden zu haben. Das Falschverstehen hat nicht nur den offensichtlichen Nachteil, dass man auf Grundlage eines falschen Verstehens möglicherweise falsch handelt und Falsches weitererzählt. Darüber hinaus hört man auch auf, darüber nachzudenken, wenn man etwas falsch verstanden hat, weil man ja glaubt, es verstanden zu haben. Im Gegensatz dazu hat man, wenn man weiß, etwas nicht verstanden zu haben, weiterhin Grund und Motivation zu weiterem Nachdenken.

Perfekt auf den Punkt gebracht fand ich dies, als ich einmal den kühnen Versuch unternahm, die Quantenmechanik zu verstehen. Im Internet stieß ich auf die Folge "Was ist die Unschärferelation?" der Sendung "alpha centauri" des Bayrischen Rundfunks. Darin bemüht sich der Physiker Harald Lesch, die Heisenbergsche Unschärferelation und - in einem zweiten Teil - ihre Bedeutung zu erklären. Die Idee übrigens, dies im Fernsehen zu tun, ist eine entzückende Ausnahme von der Dummheitsvermutung. Jedenfalls war ich nach dem ersten Video neugierig auf das zweite, von dem ich mir die Beseitigung einiger Unklarheiten erhoffte, die mir geblieben waren. Als sich der zweite Teil dann allmählich dem Ende neigte, war ich trotz des Vergnügens, das die Folgen mir bereitet hatten, ein wenig enttäuscht, weil ich ahnte, dass ich es nicht verstehen würde. Die Ahnung bestätigte sich. Doch zum Schluss zitierte Lesch den Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman mit dem Diktum: "Wer behauptet, die Quantenmechanik verstanden zu haben - der hat sie nicht verstanden." Das war tröstlich; ich war anscheinend also doch ganz gut mitgekommen.

Mit dem Bewusstsein, nicht verstanden zu haben, bleibt man offen für weitere, ergänzende Informationen; man fährt fort, die bekannten Zusammenhänge im Kopf zu drehen und zu wenden und immer neu zu sortieren, so dass sie einen bestmöglichen Sinn ergeben. Dabei erhält man sich ständig die Chance, es doch noch zu verstehen. Beim Falschverstehen kommt die Einsicht erst, wenn man gegen die Wand läuft, und wenn das nie geschieht, wird man die betreffende Sache nie verstehen und nie auch nur wissen, dass man sie nicht verstanden hat. Noch einmal anders ausgedrückt: Nur das Nichtverstehen kann das Bedürfnis hervorbringen, zu verstehen. Das Nichtverstehen ist daher elementarer Bestandteil von Wissen, Bildung, Aufklärung und geistigem Wachstum. Es ist ein Grundproblem der Nachrichtenmedien, dass es für sie ein Tabu ist, einen Satz zu schreiben, den die Leser oder Zuschauer vielleicht nicht verstehen. Die Möglichkeit, dass sie ihn nächste Woche verstehen, wenn sie noch ein Bisschen darüber nachgedacht oder mehr darüber erfahren haben, existiert hier nicht. Man muss es sofort verstehen oder es fliegt raus. Die Erwartung aber, alles sofort zu verstehen, ist mit der Vorstellung von Bildung, sogar der von Lernen, unvereinbar. Und die übliche Vereinfachung, die das Sofortverstehen ermöglichen soll, läuft immer Gefahr, eher zu einem Falschverstehen einzuladen.

In einer vom Bullshit geprägten Kultur ist es nicht schlimm, etwas falsch zu verstehen, denn das Falschverstehen ermöglicht immerhin ein selbstbewusstes Mitreden, und der Wahrheitswert dessen, was man da redet, zählt bei Bullshit definitionsgemäß nicht viel. Fürs Nichtverstehen hingegen schämt man sich - obwohl es, wie gesagt, gar nicht möglich ist, alles zu verstehen. Wir wären besser dran, wenn es umgekehrt wäre.

Systemversagen jenseits der "Inhalte"-Diskussion

Da Bundestagswahlen bevorstehen, sei abschließend die Frage erlaubt, ob man nicht einem Denkfehler aufsitzt, wenn man Politikverdrossenen und Polemikern entgegenhält, sie sollten sich doch mit den Inhalten der Parteien und Kandidaten auseinandersetzen. Denn vielleicht sind die Inhalte gar nicht das, was primär im Argen liegt. Vielleicht ist es mehr der desinteressiert-routinisierte Modus Operandi, der vielen Menschen das Gefühl gibt, in der Politik müsse grundsätzlich etwas anders werden, und der sekundär auch die schwachen Inhalte hervorbringt. Barack Obamas Erfolgsbotschaft, "Change", traf hier etwas sehr Relevantes. Dieser Überdruss am Bestehenden ist es vielleicht auch, der hinter dem weit verbreiteten vagen Wunsch nach einer irgendwie gearteten "Überraschung" steckt, den Stefan Niggemeier kürzlich diagnostizierte. Warum, so könnte man aus Nichtwählerperspektive fragen, soll ich mich mit den z.B. wirtschaftspolitischen Inhalten eines Kandidaten auseinandersetzen, der auf Grundlage der Dummheitsvermutung arbeitet und mich also ohnehin nicht für voll nimmt? Das Problem der Dummheitsvermutung, das Kommunikationsproblem, ist den Inhalten ja vorgelagert - erst wenn ein Kommunikationsverhältnis etabliert ist, kann man schließlich zu den Inhalten kommen. Das ist das heutige Dilemma des Wählers, der in die Versuchung des Nichtwählens gerät. Er kann durch seine Stimme das eine oder das andere Personal begünstigen, aber er kann nicht zum Ausdruck bringen, dass der politische Betrieb als solcher sich ändern muss.

Vielleicht werden die "Bürgermedien" im Internet gerade deshalb von manchen so heftig attackiert, weil sie es ermöglichen, diese Botschaft trotzdem zum Ausdruck zu bringen. Wer das Bestehende erhalten will, braucht sich über hundert weitere Nichtwähler weniger Sorgen zu machen als über hundert weitere Blogger, von denen einer oder zwei eines Tages unbequem werden könnten - falls die Praxis BKA-gesteuerter Netzsperren das dann noch erlaubt.